Wie hoch ist eigentlich die IV-Rente?

Am 27.September wird das Schweizervolk über die Zusatzfinanzierung der Invalidenversicherung (IV) befinden. Wie wird der IV-Grad berechnet? Und 13 weitere Fragen zur IV.

1 Wie hoch ist eigentlich die IV-Rente?

Die IV-Rente entspricht der AHV-Rente. Bei voller Beitragsdauer gibt es maximal 2280 Franken und mindestens 1140 Franken pro Monat.

 

2 Was geschieht, wenn IV- Rente und allfällige Rente der Pensionskasse zum Leben nicht ausreichen?

Rentnerinnen und Rentner, ob AHV oder IV, haben Anspruch auf Ergänzungsleistungen, sofern das Einkommen die Ausgaben nicht zu decken vermag. Während nur 12 Prozent der Altersrentner Ergänzungsleistungen erhalten, beziehen 32 Prozent der IV-Rentner Ergänzungsleistungen.

 

3 Wie wird der IV-Grad berechnet?

Bei Erwerbstätigen bemisst die IV-Stelle den IV-Grad mit einem Einkommensvergleich. Sie ermittelt dabei zuerst das Erwerbseinkommen, das ohne den Gesundheitsschaden erzielt werden könnte. Es ist dies das sogenannte Valideneinkommen. Davon wird das Erwerbseinkommen abgezogen, welches nach dem Gesundheitsschaden und nach der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen auf zumutbare Weise erreicht werden kann. Die Differenz in Prozent des Valideneinkommens entspricht dem IV-Grad.

 

4 Welche Rente erhalte ich bei einem IV-Grad von zum Beispiel 54 Prozent?

Wer einen Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent aufweist, erhält die volle Rente. Drei Viertel gibt es bei einem IV-Grad von mindestens 60 Prozent. Ein IV-Grad zwischen 50 und 59 Prozent berechtigt zu einer halben Rente. Und eine Viertelrente erhält, wer mindestens zu 40 Prozent invalide ist.

 

5 Erhält man die IV-Rente sofort nach Ausbruch der Invalidität?

Nein, der Anspruch auf eine Rente entsteht frühestens nach einem Jahr. Und zwar nur dann, wenn die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und nun weiterhin in mindestens gleichem Masse erwerbsunfähig bleibt. Ferner müssen einer Person bei Eintritt der Erwerbsunfähigkeit mindestens drei volle Beitragsjahre angerechnet werden können. Ausserdem wird die IV-Rente nur gewährt, wenn zuerst die Möglichkeit einer Eingliederung geprüft wurde.

 

6 Wer beurteilt, ob eine Invalidität gegeben ist?

Früher war es der Hausarzt oder irgendein Spezialist. Mit der 4.IV-Revision, die 2004 in Kraft getreten ist, können die IV-Stellen zwecks besserer Kontrollen eigene Ärzte anstellen, genannt Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD). Allenfalls können die IV-Stellen zusätzliche ärztliche Unterlagen und Gutachten von Fachärzten verlangen oder Untersuchungen in einer medizinischen Abklärungsstelle der IV (Medas) veranlassen.

 

7 Wie funktioniert das mit der Eingliederung, wie sie mit der 5.IV-Revision forciert wird?

Das Fachpersonal für die berufliche Eingliederung prüft mögliche Integrationsmassnahmen. Man wird eingeladen, die persönliche und berufliche Situation abklären zu lassen. Bei Bedarf findet eine Untersuchung in einer beruflichen Abklärungsstelle der IV (Befas) statt. Die IV hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb von sechs Monaten ab Einreichung der IV-Anmeldung den Grundsatzentscheid zu fällen, ob der Weg der Eingliederung gewählt werden soll oder ob die Rente zu prüfen ist.

 

8 Was passiert, wenn man während der IV-Abklärungen den Wohnort wechselt?

Nichts. Sobald ein Fall bei einer IV-Stelle angemeldet ist, bleibt sie dafür zuständig, auch wenn der Antragstellende inzwischen aus dem Kanton weggezogen ist. Die Akten werden erst nach Abschluss des Verfahrens weitergeleitet.

 

9 Wieweit können IV-Rentner einer Erwerbstätigkeit nachgehen?

Grundsätzlich sollen versicherte Personen, nach Absprache mit dem behandelnden Arzt, so viel arbeiten, wie ihnen auch über längere Zeitdauer zuzumuten ist. Wenn eine Arbeitsstelle gefunden wird, muss die IV-Stelle über das veränderte Erwerbseinkommen informiert werden. Im Rentenrevisionsverfahren wird dann die Erwerbseinbusse im Vergleich zum Einkommen berechnet, welches als gesunde Person erzielt werden könnte. Nach Bestimmung des neuen IV-Grades wird dann festgestellt, ob die Rente unverändert bleibt, herabgesetzt oder aufgehoben werden muss.

 

10 Wie kommt es, dass die Zahl von Neurentnern derart im Abnehmen begriffen ist?

Die IV-Stellen haben die Schraube angezogen. Sie erhalten Unterstützung von der dritten Gewalt im Staat. Wegweisende Bundesgerichtsentscheide der vergangenen Jahre führten dazu, dass der Anspruch für eine Rente eingeschränkt wurde. Dies gilt insbesondere für Leiden, für die sich keine nachweisbare Ursache finden lässt.

 

11 Ist die finanzielle Situation der IV wirklich so dramatisch, oder wird wieder einmal massiv übertrieben?

Die IV steht mit 13 Milliarden Franken in der Kreide. Jedes Jahr kommen rund 1,4 Milliarden Franken hinzu. Dies ist das jährliche Defizit, das sich vorläufig trotz verschärfter Massnahmen nicht eliminieren lässt. Die Gesetzesrevisionen und anderen Sparanstrengungen der vergangenen Jahre führten lediglich dazu, dass das jährliche Defizit nicht weiter ansteigt.

 

12 Wie soll nun des Defizit von rund 1,4 Milliarden Franken eliminiert werden?

Bundesrat und Parlament schlagen eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer von 7,6 auf 8 Prozent vor. Damit könnten rund 1,1 Milliarden Franken eingenommen und das weitere Anwachsen des Schuldenbergs gestoppt werden. Weil es dazu eine Verfassungsänderung braucht, wird der Schweizer Stimmbürger am kommenden 27.September zur Urne gerufen.

 

13 Wie soll das jährliche Defizit eliminiert werden, wenn die befristete Mehrwertsteuererhöhung im Jahr 2018 ausläuft?

Bis im Jahr 2018 sollten die Sparmassnahmen der 6.IV-Revision greifen, welche frühestens im Jahr 2012 in Kraft treten wird. Ein erstes Paket dieser Revision hat der Bundesrat Mitte Juni in die Vernehmlassung geschickt. Darin sind Sparmassnahmen von rund 550 Millionen Franken vorgesehen. Wie die Sparmassnahmen des zweiten Pakets in derselben Grössenordnung aussehen werden, will der Bundesrat erst Ende 2010 bekannt gegeben.

 

14 Ist es wirklich realistisch, dass die 6.IV-Revision derartige Einsparungen mit sich bringt, dass die IV ab 2018 kein Defizit mehr schreibt?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

Erschienen in der BZ am 8. September 2009

Claude Chatelain