Vierte Säule: Wes Brot ist ess, des Lied.....

Bei all dem Gerede über Scheininvalide sollte man vielleicht auch mal eine Gedenkminute für alle jene einschalten, die eigentlich Anspruch auf eine Rente der Invaliden-, Unfall- oder Taggeldversicherung hätten, aber trotzdem keine Rente erhalten.

Es ist nämlich so, dass die Latte für die Rentenberechtigung in den zurückliegenden Jahren hochgeschraubt wurde, ohne dass entsprechende Gesetzesänderungen zu Grunde liegen. Die Zahl von IV-Neurentnern ist nämlich bereits seit 2002 rückläufig, also vor Inkrafttreten der 4. und 5.IV-Revision. Daraus lassen sich zwei Folgerungen ableiten: Entweder wurden vor 2002 ungerechtfertigte Renten gesprochen, oder es werden seit 2003 Renten verweigert, wo solche gerechtfertigt wären. Je nach dem, mit welchem Anwalt man spricht, trifft das eine oder andere zu. Wahrscheinlich ist beides richtig.

 

Stellt sich die Frage, wer die folgenschwere Entscheidung trifft, ob eine Rente ausbezahlt wird. Bei einer krankheitsbedingten Invalidität ist es die IV-Stelle. Ihre Leute, die den Fall begutachten, sind im weitesten Sinne Staatsangestellte. So weit, so gut.


Wer aber entscheidet bei einer unfallbedingten Invalidität? Nicht ein neutraler Staatsangestellter, sondern ein befangener Schadenexperte der Unfallversicherung. Je strenger dieser Experte bei seiner Expertise, desto besser für seinen Arbeitgeber. Unfallrenten gehen ins Geld. Bei jungen Unfallopfern summieren sich die Renten locker auf über eine Million Franken. Will man daher gegenüber der Geschäftsleitung gut dastehen, darf man sich dem Kunden gegenüber nicht allzu kulant zeigen. Schliesslich sind Versicherungsgesellschaften auf Gewinnmaximierung bedachte Unternehmen und keine karitativen Vereine.

 

«Wir urteilen völlig neutral, streng nach Gesetz. Wir haben keinerlei Vorgaben der Geschäftsleitung», sagte mir jüngst der Chef einer Schadenabteilung eines grösseren Versicherungskonzern. Dass er mir das so direkt ins Gesicht sagt, mag ja noch gehen. Dass er aber mir unterstellt, dass ich ihm das glaube, geht definitiv zu weit.

 

«Wess Brot ich ess, des Lied ich sing.» Wer etwas anderes behauptet, soll das nur tun. Selber schuld ist, wer solchen Beteuerungen Glauben schenkt.

 

Erschienen in der BZ am 8. September 2009

Claude Chatelain