Vierte Säule: Ist der Homo oeconomicus tot?

«Der Homo oeconomicus ist tot.» Dies jedenfalls meint die «Finanz und Wirtschaft» in einem Leitartikel. Sie meint jenen Homo, der gemäss Wirtschaftstheorie immer rational handelt. Oder in der Sprache des Ökonomen: Der Homo oeconomicus ist ein nach Nutzenkalkül handelnder Entscheidungstyp.

Der Kommentator stützt seine Behauptung auf die Beobachtung an den Finanzmärkten. Es ist in der Tat schwierig, nachzuvollziehen, weshalb das Gros der Anlegerinnen und Anleger erst dann Aktien kauft, wenn sie überteuert sind, und sie just dann verkauft, wenn sie zu Schnäppchenpreisen zu haben wären.

 

So ist der Anleger laut «Finanz und Wirtschaft» eher ein Homo ovinus statt oeconomicus. «Der Mensch als Schaf, als Herdentier, der mit bisweilen desaströsen Folgen der vorherrschenden Meinung der Masse folgt.»

 

Ich zweifle schon lange an diesem Homo oeconomicus. So ist schwer einzusehen, weshalb sich Tausende standhaft weigern, in eine günstigere Krankenkasse zu wechseln und somit Hunderte von Franken zu sparen, während sie gleichzeitig jeder Verkaufsaktion der Grossverteiler nachrennen.

 

Fragt man nach dem Grund dieses widerspenstigen Verhaltens, so lautet eine gängige Antwort: «Mir ist der ständige Wechsel zu mühsam.» Zu mühsam? Zwei Briefe sind zu verschicken: je einen an die alte und die neue Krankenkasse. Dabei muss man die Briefe nicht mal selber formulieren. Man kann sie vom Internet herunterladen.

 

Nun, der Homo oeconomicus ist eben nicht ein Mensch, der nach dem wirtschaftlichen Gewinn trachtet, wie der Begriff «oeconomicus» unterstellt. Der Homo oeconomicus trachtet nach dem grössten Nutzen, wie eingangs definiert. Und so hat er womöglich ein Glücksgefühl, die Hörnlipackung 50 Rappen günstiger zu erhaschen. Und er hat womöglich ein mulmiges Gefühl, zu einer Krankenkasse zu wechseln, von der er noch nie gehört hat.

 

So bringt auch das Herdenverhalten an der Börse einen gewissen Nutzen. Es muss offenbar sehr unangenehm sein, als einziger falsch zu liegen. Weniger unangenehm ist es, mit der Masse zu scheitern.

 

Erschienen in der BZ am 11. August 2009

Claude Chatelain