Vierte Säule: Warum wir auf Schulden angewiesen sind

Man stelle sich vor, der Schuldenberg der Eidgenossenschaft würde total abgetragen. Idyllische Verhältnisse? Nicht unbedingt. Schulden haben auch ihr Gutes, zumindest für die Finanzmärkte. Hätten wir keine Schulden, gäbe es auch keine Bundesobligationen.

Vor allem Pensionskassen benötigen einen Grundstock mündelsicherer Anlagen. Gäbe es keine Bundesobligationen, gerieten Pensionskassen in einen Notstand. Jedes diversifizierte Vermögensportfolio muss in verschiedene Wertschriftentypen und in verschiedene Risikogruppen aufgeteilt werden. Da gehören auch risikoarme Anlagen in heimischer Währung dazu, wie sie insbesondere Bundesobligationen darstellen.

 

Neben Staatsanleihen gibt es auch Unternehmensanleihen. Diese haben meistens eine tiefere Bonität. Sie müssen sich aber an Staatsanleihen messen können. Damit sind die Renditen der Staatspapiere gewissermassen die Benchmark, die Messlatte für Unternehmensobligationen.

 

Stellt sich die Frage, ob Bundesoblis auch ins Portefeuille eines Privatanlegers gehören. Schliesslich braucht auch der Kleinanleger einen Grundstock sicherer Anlagen. Die Antwort lautet: eher nein. Der Zinsvorteil gegenüber einem höher verzinslichen Sparheft oder gegenüber kurzfristigen Kassenobligationen ist zu gering, als dass es sich lohnen würde, langfristige Bundesobligationen zu kaufen. Kommt hinzu, dass Zinserträge als Einkommen zu versteuern sind. Damit schmilzt die Zinsdifferenz regelrecht dahin.

 

Schliesslich unterliegt man bei langfristigen Anlagen einem Zinsänderungsrisiko. Das heisst, bei steigenden Zinsen erzielte man mit dem Sparbuch flugs höhere Erträge als mit der Bundesobligation. Von den Kosten, die beim Kauf, Verkauf und für die Verwahrung der Anleihen anfallen, nicht zu sprechen.

 

Bei Pensionskassen mit ihren Millionenvermögen ist das anders. Da fallen Zinsunterschiede von wenigen Prozentpunkten ins Gewicht. Und somit ist praktisch jeder Privatanleger via Pensionskasse auch Mitbesitzer von Bundesobligationen und damit indirekt Profiteur des Schuldenbergs. Was natürlich nicht heissen will, dass der Schuldenberg so hoch sein muss, wie er sich heute präsentiert.

 

Erschienen in der BZ am 28. Juli 2009

Claude Chatelain