Inflation oder Deflation? das ist die Frage

Womöglich droht weder eine Inflation noch eine Deflation. Die Alternative wäre eine Disinflation.

Inflation oder Deflation? Das ist die Frage. Es ist eine ungewöhnliche Frage. Üblicherweise bestehen Inflationsbefürchtungen, oder es bestehen Deflationsbefürchtungen. Dass gerade beides befürchtet wird, deutet auf das trübe Wasser hin, in welchem die Wirtschaftsauguren fischen. «Die massive Geldmengenausweitung lässt Inflationssorgen aufleben», schreibt Sarasin-Ökonom Alessandro Bee in einem Newsletter. Und fügt gleichzeitig an: «Die schärfste Rezession seit 70 Jahren deutet auch auf Deflationsgefahren hin.»

 

«Die komplexeste Krise»

 

Kein Wunder, spricht Nationalbank-Vize Philipp Hildebrand von der « komplexesten Finanzkrise der Geschichte». Über das Ausmass des gegenwärtigen Konjunktureinbruchs sind sich die Ökonomen einig. Uneins sind sie aber über dessen Einfluss auf die mittel- und längerfristigen Preisentwicklung.

 

Wie die Anleger die Preisentwicklung beurteilen, ist an der Entwicklung der langfristigen Zinsen zu erkennen. In USA haben die zehnjährigen Staatsanleihen seit Anfang Jahr von 2,07 auf 3,7 Prozent zugelegt. Das ist für Obligationenmärkte eine horrende Entwicklung. Die Investoren haben also ihre Staatsanleihen auf den Markt geworfen, was die Obligationenkurse in die Tiefe und damit die Zinsen in die Höhe trieben.

 

Rekordhohe Verschuldung

 

Es sind vor allem die Sorgen über die rekordhohe Staatsverschuldung, welche dazu führt, dass die Anleger mit steigenden Preisen rechnen. In den USA wird die Staatsverschuldung im kommenden Jahr auf 70 Prozent des BIP wachsen. Wer eine Inflation prophezeit, kauft inflationsgeschützte Anleihen (siehe Umfrage auf dieser Seite). Diese Papiere zählten in den zurückliegenden Monaten zu den meistgesuchten Anlageklassen.

 

Demgegenüber gibt es zahlreiche Volkswirte, die eine umgekehrte Richtung der Preisentwicklung für wahrscheinlicher halten. «Eine Deflation ist immer noch realistisch», sagte Jan Hatzius, Chefökonom von Goldman Sachs, in der «Finanz und Wirtschaft». Die Gefahr einer Inflation ist für ihn nicht gegeben, weil die Produktionskapazitäten bei weitem nicht ausgelastet sind. Die Unternehmen würden also bei einem Anziehen der Konjunktur vorerst ihre Produktionsanlagen ausschöpfen, ehe sie die Preise erhöhten.

 

Weder Fisch noch Vogel

 

Alessandro Bee von der Bank Sarasin sagt daher weder eine Inflation noch eine Deflation voraus, sondern eine Disinflation. Das heisst, die Inflation sinkt bis zur Nullgrenze ab, ohne dass die Preise sinken werden. Auf der einen Seite bestehe eben das Deflationspotenzial der unausgenützten Produktionskapizitäten. Auf der anderen Seite gebe es eine starke Ausweitung der Geldmenge und riesige Konjunkturpakete, die ihrerseits inflationär wirkten. Laut Bee würden sich diese beiden Kräfte ausgleichen und zu einer Disinflation führen.

 

Als Anleger bereitet man sich am besten auf alle drei möglichen Szenarien vor. Wie man sich gegen eine drohende Geldwerterosion wappnen könnte, erklären oben fünf Anlageexperten.

 

Erschienen in der BZ am 14. Juli  2009

Claude Chatelain