Die Westschweiz formiert sich

Die Regierungsräte Andreas Rickenbacher (BE), Pierre-François Unger (GE) und Jean-Claude Mermoud (VD) bei der Präsentation von «Greater Geneva Berne Area» (v.l.).
Die Regierungsräte Andreas Rickenbacher (BE), Pierre-François Unger (GE) und Jean-Claude Mermoud (VD) bei der Präsentation von «Greater Geneva Berne Area» (v.l.).

«Greater Geneva Berne Area»: Mit diesem Namen soll das Marktgebiet zwischen dem Genfersee und dem Entlebuch im Ausland vermarktet werden. Für Bern bedeutet dies eine Erweiterung der zu bearbeitenden Märkte.

«Für die Vereinigten Staaten und China sind Freiburg, die Waadt, Neuenburg und das Wallis kaum weiter entfernt als die Quartiere einer einzigen Stadt.» Mit diesem Beispiel begründet der Genfer Regierungsrat Pierre-François Unger die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit der sechs Westschweizer Kantone inklusive Bern. Wie berichtet, betreiben die Kantone Bern, Freiburg, Genf, Neuenburg, Waadt und Wallis ab 2010 ein gemeinsames Standortmarketing, um ausländische Firmen in die Region zu locken (Ausgabe vom 22.Mai 2009). Die neue Marketingorganisation nennt sich «Greater Geneva Berne Area».

 

Mehr Märkte, gleiches Geld

 

«Unser Projekt zeigt, dass die unterschiedlichen Sprachen in unserer Region nicht ein Handicap sind, sondern im Gegenteil ein Standortvorteil», sagte der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher. Er freut sich darüber, in Zukunft «mit dem gleichen Budget mehr Zielmärkte anvisieren» zu können als im Alleingang. Bisher war die Wirtschaftsförderung im Kanton Bern nur in Deutschland, Frankreich, Italien und den USA aktiv. In Zukunft wird sich Bern zusammen mit den anderen Kantonen auch in Indien, China, Russland und Brasilien als Firmenstandort präsentieren können.

 

Kooperationen über die Kantonsgrenzen sind zumindest in der Westschweiz nichts Neues. Mit der Develepment Economic Western Switzerland (Dews) besteht bereits ein Zusammenschluss von Neuenburg, der Waadt, dem Wallis und dem Jura. Auch Genf und Freiburg führten eine Kooperation ein. So ist das neue Gebilde mit dem Kürzel GGBA ein Zusammenschluss dreier Strukturen: Dews, Genf/ Freiburg und Bern.

 

Gemeinsam statt einheitlich

 

Es wird aber keinen Zusammenschluss geben, sondern nur eine Kooperation. Die kantonalen Wirtschaftsförderungen bleiben bestehen. In Lausanne wird ein Führungszentrum mit mindestens drei Mitarbeitern entstehen: einem Netzverantwortlichen, einem Marketingverantwortlichen und einem Assistenten. Das jährliche Budget beträgt 4,13 Millionen Franken. Noch ist nicht bekannt, wie die Kosten unter den Kantonen aufgeteilt werden. Die Kostenaufteilung wird erst 2012 vorgenommen und abhängig sein von der Gesamtlohnsumme der angesiedelten Unternehmen.

 

Offen bleibt, wie weit die einzelnen Kantone die an der Angel zappelnden Firmenmanager mit Steuergeschenken ködern werden, damit sie sich nicht nur in der «Greater Geneva Berne Area», sondern eben im betreffenden Kanton niederlassen.

 

 

KOMMENTAR: Erst der dritte Schritt

Es ist in jedem Fall besser, wenn sechs Kantone im Ausland gemeinsam auf Firmensuche gehen statt jeder für sich allein. So gesehen ist die Bildung der «Greater Geneva Berne Area» ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Es sollte aber nur ein dritter Schritt sein. Der erste war die Kooperation zwischen Neuenburg und der Waadt. Der zweite Schritt war die Expansion mit dem Wallis und dem Jura auf vier Kantone. Nun erfolgt eine abermalige Vergrösserung des Marktgebiets, indem sich Genf, Freiburg und Bern anschliessen, derweil sich der Kanton Jura abspaltet und sich nach Basel orientiert.

 

Wie an der Medienkonferenz spekuliert wurde, könnte dereinst ein Zusammenschluss mit Basel und dem Jura folgen. Das wäre dann der vierte Schritt. Der wichtigste und einzig richtige Schritt wäre aber der fünfte: ein gemeinsamer Auftritt der gesamten Schweiz.

Die Tourismusorganisationen machen es vor: Auch sie gehen unter dem Dach von Schweiz Tourismus in der ganzen Welt auf Promotionstour. Da sind Zermatt, Saas Fee, Interlaken und St.Moritz nicht mehr Konkurrenten, sondern Partner.

 

Auch der Genfer Regierungsrat Pierre-François Unger gab gestern zu, dass die gesamte Schweiz ein gemeinsames Standortmarketing betreiben müsste. Doch im Bewusstsein der kantonspolitischen Realitäten sagte er: «Das ist nicht praktikabel.»

 

Gerne hätten wir gehört: «Das ist NOCH nicht praktikabel.»

 

Erschienen in der BZ am 6. Juli 2009


Claude Chatelain