Konzerttickets sind ein Schnäppchen

Man stelle sich vor: Der Betrag von 269 Franken auf der Preisetikette des Herrenanzuges ist durchgestrichen. Stattdessen steht mit rotem Filzstift 50 Franken geschrieben. Wer kann solchen Schnäppchen widerstehen?

Hätten im Stadttheater in Bern gewiefte Marketingstrategen das Sagen, so würde auf einem zum Beispiel 50-fränkigen Ticket der Betrag von 269 Franken stehen, ebenfalls durchgestrichen. Denn eigentlich kostet der Eintritt ins Stadttheater 269 Franken, wenn man sich auf die offiziellen Zahlen stützt: 50 Franken zahlt der Theatergänger selber, 219 Franken zahlen die anderen Steuerzahler. Die in der Stadt Bern zahlen am meisten, etwas weniger zahlen die Mitbürger vom Speckgürtel und noch etwas weniger jene im übrigen Kantonsgebiet. Für solche lohnt sich der Theaterbesuch erst recht.

 

Die Zahlen stammen vom Controllingbericht 2007 und sind daher ohne Gewähr. Denn mit Zahlen nimmt man es in dieser Branche nicht so genau, wie mitunter zu lesen war. So müsste der Subventionsbetrag pro Besucher im Stadttheater höher ausfallen als in der Tabelle angegeben; jener beim Symphonieorchester (BSO) dafür niedriger.

Der Grund dieser irreführenden Rechnungslegung liegt in der kuriosen Ausstattung der Leistungsverträge. So erhält das BSO 4,9 Millionen Franken Subventionen, damit es seine Dienste dem Stadttheater zur Verfügung stellt. Die Opernbesucher, die im Stadttheater den Klängen eines Benjamin Britten oder Giuseppe Verdi lauschen, sind nun bei den vom BSO angegebenen 38133 Besuchern nicht enthalten. Und wenn man die fürs BSO bestimmten 4,9 Millionen dem Stadttheater geben würde, damit es den Betrag dem BSO weiterzahlt, so wären die Subventionen des Stadttheaters um 4,9 Millionen höher und damit der Subventionsbetrag pro Besucher 324 statt 269 Franken. Vom zusätzlichen Subventionsbetrag von 3,1 Millionen gar nicht zu sprechen, den Stadt und Kanton Bern direkt den Stadtbauten Bern überwiesen, damit die Eigentümerin des Hauses am Kornhausplatz den Theater-, Opern- und Ballettbetrieb mit den dringendsten Sanierung erst möglich macht. Selbst Henri Huber, Präsident der Theatergenossenschaft Bern, sagte in dieser Zeitung: «Man sagt der Öffentlichkeit nicht, was das Theater effektiv kostet.»

 

So ist wenigstens diese Zeitung bestrebt, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Doch vor Illusionen sei gewarnt: So kann man zwar ausrechnen, dass zum Beispiel der Besuch des Zentrums Paul Klee eigentlich 30 Franken kosten müsste, obschon der Eintritt lächerliche 18 Franken ausmacht. Aber auch dies ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Irgendwann wird das Gebäude saniert werden müssen. Doch Rückstellungen werden keine vorgenommen. Ja, das Klee-Zentrum hat nicht mal genügend Geld, um die eigene Sammlung zu versichern.

 

Kaum besser steht es um das Stadttheater: Dem denkmalgeschützten Gebäude am Kornhausplatz steht eine grössere Sanierung in der Grössenordnung von 20 bis 30 Millionen Franken ins Haus, die dereinst Stadt und Kanton ausserhalb der üblichen Subventionsbeiträge bezahlen müssen. Würde man auch diese Kosten in der Rechnung berücksichtigen, wie man das eigentlich erwarten möchte, stiege der effektive Eintrittspreis ins Stadttheater schon bald auf 400 Franken. Theaterbegeisterte und Opernliebhaber müssten aber trotzdem nur einen Bruchteil dessen bezahlen. Man wäre ja blöd, solche Schnäppchen schnöde zu verachten.

 

Erschienen in der BZ am 25. Juni 2009

Claude Chatelain