Vierte Säule: Über den Umwandlungssatz der Post

Nehmen wir das Beispiel der Post. Mit über 46000 aktiv versicherten Frauen und Männern führt sie eine der bedeutendsten Vorsorgeeinrichtungen der Schweiz. Wer den Geschäftsbericht eben dieser Kasse liest, wird Erstaunliches feststellen: Für Angestellte, welche im laufenden Jahr das 65. Altersjahr erreichen, beträgt der Umwandlungssatz 6,82 Prozent.

Zur Erinnerung: Mit dem Umwandlungssatz wird bei Pensionskassen im Beitragsprimat das Kapital in eine Rente umgewandelt. Der Postangestellte erhält also pro 100000 Franken Vorsorgekapital eine Jahresrente von 6820 Franken, sofern er sich dieses Jahr mit Alter 65 pensionieren lässt. Für Frauen gelten übrigens die gleichen Bedingungen. Die Post nimmt den verfassungsrechtlichen Auftrag der Gleichberechtigung ernst…

 

Wer die politische Diskussion verfolgt, wird über den genannten Umwandlungssatz von 6,82 Prozent erstaunt sein. Im laufenden Jahr beträgt der gesetzliche Umwandlungssatz für Männer nämlich 7,05 Prozent.

 

Wie kann sich die Post erlauben, eine tiefere Rente zu bezahlen als gesetzlich vorgeschrieben? Die Antwort ist einfach: Wie die meisten anderen Vorsorgestiftungen bietet auch die Post nicht nur obligatorische, sondern auch überobligatorische Leistungen an. Nun gilt aber der gesetzliche Umwandlungssatz nur für den obligatorischen Teil. So könnte die Post zwei Umwandlungssätze anwenden: den gesetzlichen für das obligatorisch, einen deutlich tieferen für das überobligatorisch angesparte Guthaben. Die Lebensversicherer beispielsweise verfahren nach diesem Muster. Doch die Post wählt den für Versicherte verständlicheren Weg und wendet einen einheitlichen Mischsatz an.

 

Das Beispiel zeigt: Die Bedeutung des gesetzlichen Umwandlungssatzes wird überschätzt. Wird dieser künstlich hoch gehalten, senkt die Pensionskasse den Satz auf dem Überobligatorium. Der Mischsatz bleibt dabei gleich. Deshalb ist es fragwürdig, gegen die Senkung des Umwandlungssatzes Sturm zu laufen und das Referendum zu ergreifen, wie das die extrem Linken getan haben. Das verwirrt höchstens die Bevölkerung und macht den Umwandlungssatz wichtiger, als er in Wahrheit ist.

 

Erschienen in der BZ am 23. Juni 2009

Claude Chatelain