Vierte Säule: Möchten Sie auf die Prämienverbilligung verzichten?

«Möchten Sie auf die Prämienverbilligung verzichten, teilen Sie uns dies bitte telefonisch oder schriftlich mit.» So steht es auf einem Informationsblatt des Amts für Sozialversicherung und Stiftungsaufsicht in Bern.

In einer Zeit, in welcher zunehmend von Sozialhilfemissbrauch und Scheininvaliden die Rede ist, mutet dieser Aufruf schon etwas anachronistisch an. Unweigerlich möchte man wissen, wie viele Bernerinnen und Berner derart altruistisch veranlagt sind, um von einem solchen «Angebot» Gebrauch zu machen.

 

Gewiss, es sind nicht viele, erklärt der Abteilungsleiter Rolf Häner. Vielleicht so eine Handvoll pro Jahr. Und er erzählt eine Geschichte, die so schön ist, dass man fast sagen möchte: «Se non è vero, è ben trovato.»

 

Die Geschichte geht so: Wie man sich vorstellen kann, bekommt die Abteilung Prämienverbilligung viel Post. Doch seit drei Jahren findet jeweils ein ganz besonderes Couvert den Weg in die Amtsstube in Ostermundigen. Das Couvert enthält keinen Brief, keine Grussbotschaft und keine sonstige Mitteilung. Auf der Vorder- wie auf der Rückseite fehlt auch ein Absender. Das Aussergewöhnliche an diesem Couvert: Es enthält eine 1000er-Note. Gerne möchten natürlich Rolf Häner und seine Mitarbeiter wissen, von wem die Gabe kommt. Doch sie konnten es bisher nicht herausfinden. Selbst der Poststempel verwischt die Fährte, da das Couvert von verschiedenen Orten ausserhalb des Kantons eingeworfen wurde, zum letzten Mal in einen Briefkasten im Kanton Solothurn. Es dürfte eine ältere Person sein, mutmasst Rolf Häner. Nicht weil die Schrift zittrig sei, sondern weil die Adresse in kunstvoller, schon fast in kalligrafischer Schrift niedergeschrieben wurde, wie man heute nicht mehr zu schreiben lernt. Offensichtlich verschmäht die Person die Hilfe des Steuerzahlers und will die volle Prämie selber bezahlen.

 

Nun, die dreimal 1000 Franken flossen nicht in die Kaffeekasse, wie Häner beteuert. Sie gelangten in die kantonale Staatskasse. Profitieren von dieser noblen Geste tun wir alle. Dem Spender sei auf diesem Wege herzlich gedankt.

 

Erschienen in der BZ am 16. Juni 2009

Claude Chatelain