«Ds Vreneli» ist wieder gefragt

Immer noch pessimistisch? Mit Aktien die Hände verbrannt? Auf der Suche nach einem sicheren Wert? Wer diese Fragen mit ja beantwortet, kauft Goldmünzen – und befindet sich in bester Gesellschaft.

Es war schon immer so und ist auch heute nicht anders: Wann immer das Vertrauen in die Finanzmärkte im Argen liegt, fliehen Anleger ins Gold. Und wenn der Goldpreis steigt, steigt auch der Preis für Goldmünzen. «Ja, ich stelle eine markante Nachfragesteigerung in Kurantmünzen fest», bestätigt Beat Kummer vom Münzen- und Raritätenshop am Bundesplatz in Bern. Gefragt seien vor allem das altbewährte Vreneli, der südafrikanische Krügerrand oder die britische Unze, genannt Britannia. «Für diese Münzen besteht zwischendurch ein Lieferengpass», sagt Kummer. Für ein Konfirmationsgeschenk wollte er eine Britannia besorgen, wurde aber erst fündig, als das Fest vorüber war.

 

Spekulationsfieber

 

Das 20-Franken-Vreneli kostet heute um die 200 Franken, doppelt so viel wie vor fünf Jahren. Es kostete freilich auch schon 300 Franken. Das war in den boomenden 70er-Jahren, als die Gebrüder Hunt aus den Vereinigten Staaten den Silbermarkt entdeckten und mit Spekulationskäufen den Preis in die Höhe trieben. Eine Spekulationswelle, von welcher auch der Goldpreis nicht verschont blieb.

 

Kein Gold bei Banken


Ein grosser Teil der Banken hat sich vom Handel mit Goldmünzen verabschiedet. Eine Ausnahme bildet die UBS, die immer noch eine grosse Numismatikabteilung führt. Allerdings sucht man die Kurse für Kurantmünzen auch auf der UBS-Homepage vergebens. Es sei denn, man ist UBS-Kunde und kann mit einem Passwort in den geschützten Bereich vordringen. Die Preise bei der UBS sind jedoch nicht gerade lukrativ: Besonders stossend ist die hohe Marge, die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs. Beim Vreneli beträgt sie 14 Prozent. Der Kurs muss also zuerst um 14 Prozent steigen, ehe man das Goldstück ohne Verlust zum Einstandspreis wieder verkaufen kann.

 

Dollar als Spielverderber

 

Der flüchtige Beobachter wird sich ausserdem fragen, weshalb die Preise der Kurantmünzen nicht stärker angestiegen sind, wenn man bedenkt, wie doch der Goldpreis nahezu explodierte. Die Antwort liefert der Dollar. Das Gold wird weltweit in Dollar gehandelt. Fällt die US-Valuta, fällt für den Frankenanleger auch der Goldpreis. Ein Teil des kräftigen Anstiegs des Goldpreises wurde also durch den fallenden Dollarkurs zunichte gemacht.

 

Nicht zu verwechseln mit den Kurantmünzen sind die numismatischen Münzen, welche weniger den Anleger, umso mehr aber das Sammlerherz ansprechen. Wie die UBS in ihrem Prospekt schreibt, strahlen Münzen etwas Besonderes aus. «Einst wurden sie geschlagen, um die Macht eines Herrschers zu symbolisieren. Während dieser künstlerisch-repräsentative Aspekt heute für Medaillons zweifellos noch gilt, sind Münzen in erster Linie faszinierende Zeugen der Wirtschaftsgeschichte.»

 

Bis zum Platzen der Immobilienblase in den Vereinigten Staaten und zur damit eingeleiteten Wirtschaftskrise waren die russischen Rubel aus der Zarenzeit besonders gefragt, weiss Beat Kummer vom Raritätenshop im Gebäude der Berner Kantonalbank in Bern. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, als die Russen zum Teil ein kümmerliches Dasein fristeten, verkauften sie ihre vererbten Goldstücke an Händler aus dem Westen. Im neuen Jahrtausend, wo auch in Russland zumindest in gewissen Bereichen «westliche Verhältnisse» herrschen, kauften die Russen die Münzen im grossen Stil zurück, was den Preis in ungeahnte Höhen trieb.

 

Inzwischen ist der Markt zusammengebrochen, und die Münzen sind zum halben Preis dessen zu haben, was sie vor zwei Jahren noch kosteten. Noch dürfte die Talsohle für die russischen Prägungen gemäss Einschätzung von Beat Kummer nicht durchschritten sein. Doch wie bei den Aktien kann man auch bei den Münzen nicht vorhersagen, wann die Kurse wieder ansteigen. Für Kummer sind daher die russischen Münzen wieder interessant.

 

Im Trend sind ebenfalls Münzen der Antike und des Frühmittelalters. So brachte eine Bronze-Sesterz des römischen Kaisers Hadrian in einer exklusiven Qualität an einer Auktion in Genf glatte 2 Millionen Franken.

 

Eher gefragt unter Kleinanlegern ist die chinesische Pandamünze, insbesondere als Göttibatzen. Kinder können mit putzigen Pandas mehr anfangen als mit einem blassen Zaren. Pandamünzen gibt es in den verschiedensten Variationen und Grössen. Sie kosten zwischen 100 und 1150 Franken. Ab 1982 prägte China zum Schutz der vom Aussterben bedrohten «Bambusbären» solche Pandamünzen. Jährlich erscheinen neu gestaltete Prägungen, die den Kleinbären mal beim Bambusknabbern, mal beim Spielen zeigen. Ein Teil des Erlöses ging an den WWF.

 

Qualität geht über alles


Doch ob Panda, Rubel, Pfund, Rand oder Vreneli: «Das Wichtigste ist die Qualität», sagt Beat Kummer. Also schöne, fehlerfreie Exemplare. Stark abgegriffene Münzen oder solche mit einem Randfehler – hier zu Lande sagt man «Näggi» – haben nur einen geringen Sammlerwert.

 

 

INFOTHEK: Numismatik- und Kurantmünzen

Kurantmünzen: Sie heissen etwa Vreneli, Krügerrand, Maple Leaf oder australische Nugget. Kurantmünzen haben einen offiziellen Status und entwickeln sich parallel zum Goldpreis.

 

Numismatische Münzen haben keinen offiziellen

Status. Sie haben lediglich einen Sammlerwert. Daher entwickeln sie sich nicht parallel zum Goldpreis. Einmal sind Pandamünzen aus China en vogue, ein anderes Mal russische Prägungen aus der Zeit der Zaren.

 

Erschienen in der BZ am 9. Juni 2009


Claude Chatelain