Höhere Prämien? Selber schuld

Die Krankenkassenprämien steigen, und es geht ein Aufschrei durchs Land. Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt. Doch bisher scheint der Leidensdruck nicht gross genug zu sein, um im Gesundheitswesen ernsthafte Massnahmen zur Dämpfung der Kostensteigerungen durchzusetzen, von Kostensenkung nicht zu sprechen. 

Wer ist der grösste Kostentreiber im Gesundheitswesen? Laut Statistik sind es die Spitäler. Man könnte aber mit Fug und Recht behaupten: Es ist der Patient. Der Patient und auch der potenzielle Patient ist es, der via Stimmzettel die Marschrichtung in der Gesundheitspolitik bestimmt. Bis jetzt zeigte sich der Stimmbürger bereit, die Luxusmedizin zu bezahlen. Droht die SVP mit einer Initiative zu einem Leistungsabbau in der obligatorischen Grundversicherung, so weiss man schon im Voraus, dass sie im Volk keine Chance hat. Steht ein Verfassungsartikel für mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen zur Abstimmung, so wird er hochkant verworfen. Und wenn der Gesundheitsminister eine Praxisgebühr von 30 Franken einführen will, wollen die Schweizerinnen und Schweizer davon nichts wissen. Auf die freie Arztwahl will das Volk ebenso wenig verzichten wie auf das Spital vor der Haustür. «Jedem Täli sein Spitäli.» Aktuelle Beispiele waren in Belp, Meiringen und Huttwil zu beobachten, wo die Bevölkerung für die Akutabteilungen kämpfte und zum Teil auch auf die Strasse ging.

 

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass zumindest ein grosser Teil der Bevölkerung gar nicht willens ist, bei den Krankheitskosten zu sparen. Nur um die 5 Prozent der Versicherten nehmen jeweils die Mühe auf sich, auf Anfang Jahr in eine günstigere Krankenkasse zu wechseln – wenn man in diesem Zusammenhang von Mühe sprechen kann. Und die Sparmodelle der Krankenkassen stossen auch nicht auf grosse Begeisterung.

 

Wenn die Grundversicherung praktisch jeden Luxus versichert, will der Prämienzahler diesen Luxus bei Bedarf auch in Anspruch nehmen. Das liegt in der Natur der Sache. Eine Chemotherapie kostet um die 100000 Franken. Je höher das Alter, desto grösser das Krebsrisiko. Soll man krebskranke Patienten ab Alter X nicht mehr behandeln? In Ländern mit Staatsmedizin wie zum Beispiel England erhält man ab einem bestimmten Alter keinen Platz mehr auf der Intensivstation. Wollen wir das? Nichts deutet darauf hin, dass das Schweizervolk in diesem Bereich Abstriche machen will.

 

Tatsache ist, dass die Überalterung unserer Gesellschaft die Medizin vor neue, hohe und vor allem teure Herausforderungen stellt. Letztlich sind das nicht gesundheitspolitische, sondern ethische Fragen. Solange solche ethische Fragen in unserer Gesellschaft tabuisiert werden, sollte man sich auch nicht über die steigenden Gesundheitskosten beklagen.

 

Erschienen in der BZ am 27. Mai 2009

Claude Chatelain