Herr Kurt, wann gehen die Psychiater auf die Strasse demonstrieren?

Hans Kurt: «Fast jeder Patient, der mir zugeschrieben wird, schluckt bereits Psychopharmaka.»
Hans Kurt: «Fast jeder Patient, der mir zugeschrieben wird, schluckt bereits Psychopharmaka.»

«Die Psychiater sind unterbezahlt», sagt Verbandspräsident Hans Kurt. Somit möchten nicht nur die Hausärzte den Ärztetarif Tarmed anpassen. Wobei die psychiatrischen Dienste laut Hans Kurt so oder so teurer werden dürften.

 

Herr Kurt, wann machen es die Psychiater wie die Hausärzte und gehen auf die Strasse demonstrieren?

Hans Kurt: Vorläufig ist nichts dergleichen geplant. Wir haben aber auch schon an eine solche Aktion gedacht.

 

Der Psychiater verdient ja im Schnitt «nur» 132000 Franken, gegenüber 196000 Franken des Hausarztes.

Punkto Einkommen sind Psychiater innerhalb der Ärzteschaft am unteren Limit. Mehr zu schaffen macht uns die zunehmende administrative Flut von Kontrollen. Ich denke an all die schriftlichen Rechtfertigungen gegenüber den Krankenkassen oder der IV. Man erhält den Eindruck, sich ständig rechtfertigen zu müssen.

 

Wollen Sie nicht, dass man Psychiater kontrolliert?

Die Krankenkassen haben einen gesetzlichen Auftrag, Wirtschaftlichkeitsprüfungen durchzuführen. Störend ist aber, dass nur die ökonomische Seite betrachtet wird. Es wird nicht kontrolliert, ob die Behandlung auch erfolgreich ist.

 

Lässt sich die Qualität eines Psychiaters überhaupt überprüfen?

Sicher nicht mit der gleichen Präzision wie bei einem Chirurgen. Man kann aber Patienten befragen. Man kann überprüfen, wie der Patient informiert wird. Auch die Erreichbarkeit eines Psychiaters liesse sich prüfen. All das sind Qualitätsmerkmale.

 

Hat der Verband der Psychiater ein solches Qualifikationsmodell ausgearbeitet und dem Krankenkassenverband unterbreitet?

Wir arbeiten im Rahmen der FMH als eine von drei Fachgesellschaften an einem Pilotprojekt mit. Wir haben im Verband ein eigenes Ressort, das sich mit Qualitätsfragen befasst. Von allen unseren Mitgliedern verlangen wir, dass sie für ihre Fortbildung in Qualitätszirkeln mitmachen, wo sie gegenseitig ihre Fälle vorstellen und diskutieren.

 

Zurück zum Verdienst: Ist es nicht frustrierend, derart schlechter entlöhnt zu werden wie der Hausarzt, obschon Studium und Arbeit eines Psychiaters kaum weniger anspruchsvoll sein dürften?

Das ist manchmal durchaus frustrierend, aber weniger im Vergleich zum Hausarzt als im Vergleich zu anderen akademischen Berufen, wie zum Beispiel zum Gymnasiallehrer.

 

Aber wie erklären Sie sich den hohen Einkommensunterschied zwischen Hausärzten und Psychiatern?

Ein Grund liegt sicher darin, dass Hausärzte im Schnitt längere Arbeitszeiten aufweisen – nicht zuletzt auch wegen der Notfalldienste. Ein zweiter Grund liegt darin, dass Hausärzte ihr Einkommen nicht nur über den Ärztetarif Tarmed erzielen, sondern auch über den Verkauf von Medikamenten oder – wie man lesen konnte – mit Untersuchungen im eigenen Labor.

 

Finden Sie das richtig?

Nein, ich persönlich finde, in der obligatorischen Grundversicherung sollten Hausärzte wie wir Psychiater für die ärztliche Leistung und nicht für irgendwelche Zusatzgeschäfte entschädigt werden.

 

Auch Psychiater verdienen doch mit der Abgabe von Antidepressiva, wo die Selbstmedikation erlaubt ist?

Nur in geringem Ausmass. Wir haben sonst keine Zusatzgeschäfte, ausser wenn wir Super-Visionen oder bestimmte Beratungen durchführen.

 

Sie sagten, Hausärzte arbeiteten im Schnitt länger. Ist es nicht so, dass viele Psychiater aus psychohygienischen Gründen gar nicht in der Lage sind, ein 100-Prozent-Pensum zu absolvieren?

Das ist richtig. Und wenn wir auf den Durchschnittslohn von 132000 Franken gemäss der Hasler-Studie zurückkommen, so wissen wir nicht, ob diese 132000 Franken das effektive Brutto-Einkommen oder das auf 100 Prozent hochgerechnete Einkommen wiedergeben.

 

Sind Sie zufrieden mit dem Ärztetarif Tarmed, oder sehen Sie Handlungsbedarf?

Wir sehen Handlungsbedarf. Wir sind immer noch unterbezahlt. Zudem deckt der Tarmed nicht alle Leistungen ab. Ein Jugendpsychiater kann all die zeitraubenden Gespräche mit Eltern und Lehrern kaum abrechnen. In der Erwachsenenpsychiatrie finden häufig Gespräche mit dem IV-Berufsberater oder dem Arbeitgeber statt, die man ebenfalls nur beschränkt abrechnen kann. Die gesamte sogenannte Netzarbeit wird ungenügend abgegolten.

 

Wie wäre das Problem zu lösen?

Indem zum einen der Taxpunktwert erhöht und zum andern neue Tarifpositionen definiert werden. Psychiater haben im Vergleich zu Hausärzten oder Chirurgen ganz wenige Tarifpositionen.

 

Nicht-ärztliche Psychotherapeuten können ihre Leistung nicht über die obligatorische Grundversicherung abrechnen. Finden Sie das sachlich gerechtfertigt?

Neben der gesetzlichen gibt es auch eine sachliche Rechtfertigung. Wir bewegen uns im Bereich von Krankheiten – und da ist das Krankenversicherungsgesetz (KVG) zuständig. Für die Diagnosen, die wir stellen, braucht es eine ärztliche Ausbildung. Zum Beispiel, damit man einen Hirntumor oder eine Störung der Schilddrüse nicht übersieht. Und im Unterschied zum Psychiater hat der nicht-ärztliche Psychologe keine langjährige Erfahrung in Kliniken und Ambulatorien.

 

Für Hausärzte gibt es ja verschiedene Sparmöglichkeiten, etwa Gruppenpraxen. Sehen Sie auch für psychiatrische Dienste Einsparmöglichkeiten?

Die Schaffung von Ärztenetzwerken oder Gruppenpraxen ist für eine Optimierung der Abläufe sicher zu befürworten. Man sollte aber nicht nur den ambulanten, sondern auch den stationären Bereich anschauen. Ich denke an die Schnittstellen zwischen ambulanter, stationärer und wieder ambulanter Behandlung. Vereinfachung der Einweisungen in die stationäre Klinik und eine sofortige Übergabe von der stationären in die ambulante Behandlung.

 

Und sonst?

Insgesamt dürften die Kosten für psychiatrische Leistungen eher zu- als abnehmen, weil eben auch die Nachfrage steigt.

 

Das Angebot bestimmt die Nachfrage.

Das wird immer wieder gesagt – etwa am Beispiel von Basel, wo es eine relativ hohe Dichte von Psychiatern gibt. Ich mache eine andere Erfahrung: Ich stelle klar eine wachsende Nachfrage nach unserer Dienstleistung fest.

 

Also gibt es heute mehr psychisch Kranke als früher?

Ja, was auf Grund der harten Arbeitswelt, fehlender sozialer Netze und des wachsenden Erfolgsdrucks auch zu erklären ist. Es leiden heute mehr Leute unter Angststörungen oder Depressionen. Es ist aber gar nicht nur schlecht, wenn heute mehr Leute zum Psychiater gehen. Das weist darauf hin, dass psychische Erkrankungen heute weniger tabuisiert werden.

 

Teilen Sie die Einschätzung, dass Psychiater bei den Hausärzten nicht den besten Ruf geniessen?

Ja. Das rührt unter anderem auch daher, dass wir ganz anders auf den Patienten zugehen. Der Hausarzt ist es sich gewohnt, sofort zu handeln, sofort zu behandeln, sofort Medikamente zu verschreiben. Wir Psychiater haben dagegen die Tendenz, zuerst mal zurückzulehnen und sich gut zu überlegen, was zu tun ist.

 

Mit der Konsequenz, dass viele Hausärzte selber Antidepressiva verschreiben.

Fast jeder Patient, der mir zugewiesen wird, schluckt bereits Psychopharmaka, verschrieben von einem Hausarzt.

 

Finden Sie das gut?

Das ist Realität. Damit müssen wir leben. Allerdings müssen wir uns auch an der eigenen Nase nehmen. Wir kommunizieren zu wenig und suchen zu wenig den Kontakt mit Hausärzten oder sind mitunter zu schlecht erreichbar. In diesem Bereich können wir uns noch verbessern.

 

Was halten Sie vom Grundversorgermodell, wie es Visana propagiert und wie es in den Niederlanden praktiziert wird?

Wir sind strikte dagegen, dass der Patient in jedem Fall zuerst den Grundversorger aufsuchen muss. Psychisch kranke Leute reden nicht gerne über ihre Krankheit. Häufig haben sie auch Hemmungen gegenüber dem Hausarzt, der unter Umständen die ganze Familie betreut, die psychischen Probleme zu offenbaren. Wir wollen, dass die Leute weiterhin die Möglichkeit haben, direkt zum Psychiater zu gehen, ohne den Umweg via Hausarzt zu nehmen, wie das heute über die Hälfte unserer Patienten schon tut.

 

 

ZUR PERSON

Hans Kurt ist seit 2002 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherarpie (SGPP). Er studierte Medizin in Fribourg und Bern und absolvierte danach die psychiatrische Ausbildung in Fribourg und Solothurn. Später war er Oberarzt im Psychiatriezentrum Biel, ehe er sich 1987 selbstständig machte und in Solothurn eine

Gruppenpraxis eröffnete. Seine Tätigkeitsschwerpunkte – neben der verbandspolitischen Aktivität – sind Sozialpsychiatrie, systemische Psychotherapie und Supervision.

 

Erschienen in der BZ am 26. Mai 2009


Claude Chatelain