Lehrer betreiben Medienschelte

Wer ist schuld an der Misere? die Medien.
Wer ist schuld an der Misere? die Medien.

Die Bernische Lehrerversicherungskasse (BLVK) ist in einem desolaten Zustand. Das ist so weit bekannt. Nicht allen bekannt dürfte indessen sein, wer dafür verantwortlich zeichnet. Nun, an der Delegierten-versammlung vom Mittwoch schien der Sünder schnell ausgemacht: die Medien.

 

Hans Bangerter, Vizepräsident im Wahlkreis Seeland, brachte es folgendermassen auf den Punkt: «Es geht darum, die breite Öffentlichkeit, insbesondere aber die Medien auf einen fatalen Selbstmechanismus des Rentenabbaus aufmerksam zu machen, den die jetzigen und zukünftigen Betroffenen nicht selber korrigieren können. Mit allem Nachdruck muss deshalb schlecht recherchierten oder tendenziösen Falschmeldungen in den Medien umgehend entgegengehalten werden.»

 

Wie genau soll nun diesem «Selbstmechanismus des Rentenabbaus» Einhalt geboten werden? Die Antwort auf diese Frage blieb Lehrer Hans Bangerter schuldig.

 

Wiederholt war im Berner Rathaus von der «falschen Ausfinanzierung» die Rede, wie sie auch im PUK-Bericht thematisiert wurde. «Auf die Korrektur der falschen Ausfinanzierung warten wir bis heute», wetterte ein Delegierter und rief: «Wo bleibt die Stimme der Presse als vierte Kraft im Staate?»

Jürg Boss, der überforderte Präsident der Delegiertenversammlung.
Jürg Boss, der überforderte Präsident der Delegiertenversammlung.

 

Bangerter befand sich mit seiner Medienschelte in bester Gesellschaft. Schon Jürg Boss, immerhin Präsident der Delegiertenversammlung, trat gleich zu Beginn einen Rundumschlag gegen die Medien los, die sich erdreisteten, einen anderen als seinen Standpunkt zu vertreten. Boss nannte den Namen eines Journalisten dieser Zeitung und warf ihm vor den siebzig Delegierten vor, etwas geschrieben zu haben «was sachlich nicht stimmt». Nach der Versammlung zur Rede gestellt, vermochte Boss aus dem fraglichen Artikel nicht einen einzigen Satz vorzulesen, der sachlich falsch war.

 

Generell war an der Delegiertenversammlung Zorn, Frust und Hilflosigkeit zu verspüren. Und zwischendurch waren nicht nur die Medien die Bösen, sondern auch der Finanzdirektor: Ein Delegierter erinnerte in einer engagierten Rede daran, dass im kommenden Jahr Wahlen seien. All die Versicherten der BLVK plus den in der Bernischen Pensionskasse (BPK) versicherten Verwaltungsangestellten samt wahlberechtigten Kindern und zugewandter Orte ergebe ein Wähleraufkommen von rund 100000 Stimmen. Genügend, um BDP-Regierungsrat Urs Gasche abzuwählen.

 

Es wurde nicht nur gejammert und gescholten. Es wurde auch entschieden: «Wir fordern eine umgehende Gleichbehandlung der Bedingungen für Versicherte der BPK wie der BLVK.» Der Antrag aus dem Wahlkreis Bern-Stadt wurde ohne Gegenstimme angenommen. Der Antragsteller stellte fest, dass

  • der BLVK-Versicherte höhere Beiträge bezahlt;
  • der Arbeitgeberbeitrag bei der BLVK tiefer ist als bei der BPK;
  • der BLVK-Versicherte im Unterschied zu den BPK-Versicherten die Überbrückungsrenten zurückzahlen muss;
  • die Verdiensterhöhungsbeiträge der BLVK höher sind;
  • der BLVK-Versicherte für die volle Rente eine höhere Beitragsdauer benötigt;
  • bei der BLVK der technische Zins auf 3,25 statt auf 3,5 Prozent gesenkt wird wie bei der BPK.

Der Antrag sei so zu formulieren, meinte noch ein Delegierter, dass die Bedingungen für die Lehrer jenen der Verwaltungsangestellten angepasst würden und nicht umgekehrt. Dies wohl zum Leidwesen der Verwaltungs- und Spitalangestellten. Sie hätten es wohl allzu gerne gesehen, ihre Ferienregelung jener der Lehrer anzugleichen.

 

Erschienen in der BZ am 22. Mai 2013

 

 

Boss gelangte an den Presserat

Jürg Boss, der überforderte Präsident der Delegiertenversammlung, gelangte nach Erscheinen des Artikels an den Presserat. Dieser wies die Beschwerde zurück. Die BZ schrieb am 2. Dezember 2009: 

 

"Wie weit dürfen Journalisten und Journalistinnen gehen, wenn sie über offizielle Anlässe wie Delegiertenversammlungen berichten? Was, wenn Betroffene nicht einverstanden sind mit dem Fokus der Berichterstattung? Diese Fragen diskutierte der Presserat im Zusammenhang mit einer Beschwerde gegen einen Artikel der Berner

Zeitung über die Delegiertenversammlung der Bernischen Lehrerversicherungskasse (BLVK). Der namentlich im Artikel erwähnte Beschwerdeführer beklagte unter anderem die Verletzung der Wahrheitspflicht. Der Presserat hat die Beschwerde abgewiesen. Dies, weil der Journalistenkodex auch einseitige Standpunkte zulasse und sich Medienschaffende auf einzelne, subjektiv ausgewählte Aspekte beschränken dürften. Die vom Beschwerdeführer behaupteten Unwahrheiten seien zudem nicht eindeutig erwiesen gewesen."


Claude Chatelain