"Stabilisierung, nicht Sanierung"

Hansjürg Schwander.
Hansjürg Schwander.

Die Bernische Pensionskasse will die Beiträge erhöhen – zwecks «Stabilisierung» der Kasse. Müsste sie saniert werden, würde die Erhöhung der Beiträge doppelt so hoch ausfallen, sagt der neue Direktor Hansjürg Schwander.

 

Herr Schwander, Sie leiteten während sechs Jahren die Pensionskasse von Valora. Wie oft sind Sie vor dem Management angetreten, um eine Zusatzfinanzierung zu beantragen?

Hansjürg Schwander: Einmal, sieben Monate nach meinem Stellenantritt, nach dem Börseneinbruch 2002…

 

…das scheint bei Ihnen System zu haben. Seit zweieinhalb Monaten sind Sie Chef von der Bernischen Pensionskasse – und schon verlangen Sie von uns Steuerzahlern zusätzliche Mittel.

Dieser Eindruck könnte entstehen. Direktion und Verwaltungskommission der BPK haben die Entwicklung im letzten Jahr laufend kritisch beurteilt und kamen vernünftigerweise frühzeitig zum Schluss, dass die ausserordentliche Lage besondere Massnahmen erfordert. Das Konzept war bei meinem Eintritt schon entworfen. Ich bin froh, dass derart rasch und konsequent gehandelt wurde.

 

Sind denn Sanierungsmassnahmen wirklich nötig bei einem Deckungsgrad von knapp unter 90 Prozent?

Wir reden nicht eigentlich von einer Sanierung, sondern von einer Stabilisierung. Fällt der Deckungsgrad unter 90 Prozent, wird es kritisch, weil zu viel Deckungskapital fehlt, das nicht verzinst wird. Je tiefer der Deckungsgrad, desto grösser die Soll-Rendite. Diese ist bei uns auf über 5 Prozent gestiegen. Da wir gesehen haben, dass diese Rendite mit unserer Anlagestrategie nicht erreicht werden kann, mussten wir handeln.

 

Ob Sanierung oder Stabilisierung: Sie verlangen eine unbefristete Erhöhung der Beiträge um 2,2 und eine befristete Erhöhung um 3,5 Prozentpunkte. Bei einer Sanierung würden Sie nicht anders verfahren.

Eine Sanierung wäre es dann, wenn wir die Beiträge derart erhöhten, um rasch wieder einen Deckungsgrad von 100 Prozent zu erhalten. Dies ist nicht der Fall, ansonsten müssten die Beitragserhöhungen doppelt so hoch angesetzt werden. Mit der vorgeschlagenen Beitragserhöhung wollen wir dafür sorgen, dass der Deckungsgrad trotz Deckungslücke nicht noch weiter fällt – eben stabilisiert wird.

 

Aber Sie verlangen zusätzlich noch jährlich rund 30 Millionen Franken vom Kanton.

Dies betrifft das Gesuch an den Regierungsrat, vorläufig den auf die Kantonsangestellten entfallenden Anteil der Deckungslücke zu verzinsen. Wie gesagt: Der Kasse fehlen 1,1 Milliarden Franken, die wir nicht haben und daher nicht verzinsen können. Dies könnte man als Sanierungsbeitrag bezeichnen.

 

Im Unterschied zur Lehrerversicherungskasse hat die BPK kein strukturelles, sondern ein anlagetechnisches Defizit. Auf jede Baisse folgt eine Hausse. Deshalb ist nicht klar, weshalb Sie zusätzliche Steuermittel brauchen.

Blicken wir zurück: Die BPK wies Ende 2000 einen Deckungsgrad von 113,7 Prozent aus. Dann kam die Börsenkrise 2001/2002, wo der Deckungsgrad nur leicht unter 100 Prozent gefallen war. Bis Ende 2006 konnte er wieder auf 109 Prozent ausgebaut werden. Doch die Jahre 2007/2008 waren des Guten zu viel. Die Schwankungsreserven von 9 Prozent waren offensichtlich zu wenig. Es wäre unverantwortlich, darauf zu hoffen, dass allein die Börse den Deckungsgrad wieder herstellt und die notwendige Wertschwankungsreserve aufbaut.

 

Warum haben andere Kassen die Finanzkrise besser überstanden? Laut Swisscanto lag der durchschnittliche Deckungsgrad Ende 2008 bei 99 Prozent.

Weil diese Kassen wohl vor der Krise auf einem höheren Niveau lagen, also einen Deckungsgrad von deutlich über 110 Prozent aufwiesen.

 

Und jetzt wollen Sie auch noch den technischen Zins senken?

Sie haben ja selber wiederholt geschrieben, der Deckungsgrad sage nur die halbe Wahrheit. Die BPK hat noch einen technischen Zins von 4 Prozent. Bei diesem Zins und einem Deckungsgrad von 100 Prozent müssten wir langfristig eine Rendite von 4,5 Prozent erwirtschaften, um all unseren Verpflichtungen nachzukommen. Das ist zu optimistisch. Mit dem anhaltend tiefen Zinsniveau liegt das Ertragspotenzial unserer Anlagestrategie bei rund 4 Prozent. Realistischer ist daher ein technischer Zins von 3,5 Prozent. Und kalkulieren wir mit einer tieferen Rendite, sinkt auch der Deckungsgrad.

 

BDP-Regierungsrat Urs Gasche sagte im Grossen Rat: «Wir werden die Vorschläge so nicht akzeptieren können.» Haben Sie einen Plan B?

Nein, zuerst müssen wir die Antwort des Regierungsrats abwarten.

 

Mir scheint, die BPK hält es wie die Teppichhändler in den Souks von Sousse: Sie verlangen einen möglichst hohen Preis, um schon mit der Hälfte zufrieden zu sein.

Nein. Klar ist, dass wir mindestens 90 Millionen Franken höhere Beiträge benötigen, um das Niveau halten zu können. Dies entspricht um 5,7 Prozentpunkte erhöhte Beiträge. Offen ist, wie die Beiträge dann aufgeteilt werden. Gemäss unserem Vorschlag übernimmt der Arbeitgeber 1,8 und der Arbeitnehmer 0,4 Prozentpunkte bei den ordentlichen beziehungsweise 2,1 und 1,4 Prozentpunkte bei den befristeten Beiträgen.

 

Der Arbeitnehmer kommt also sehr gut weg. Trotzdem ist der Staatspersonalverband dagegen.

Der Staatspersonalverband hat gleichzeitig festgehalten, dass «…ein übergeordnetes Interesse an einer sicheren und leistungsfähigen Pensionskasse besteht». Betreffend Zielsetzung scheint also Einigkeit zu herrschen.

 

Gleichzeitig läuft das Projekt Futura, also der Wechsel vom Leistungs- ins Beitragsprimat. Welches System bevorzugen Sie?

Ich lege mich nicht auf ein bestimmtes Primat fest. Wenn hinten aus dem Topf klar definierte Leistungen herauskommen, so muss ich vorne genau gleich viel hineinstossen. Also Input und Output sind bei beiden Primaten identisch.

 

Ist nicht das Beitragsprimat flexibler und für den Arbeitnehmer transparenter?

Das Beitragsprimat ist transparenter, was den Sparprozess betrifft. Es ist offener, was die künftigen Leistungen betrifft.

 

Ist es nicht so, dass beim Leistungsprimat eine Umverteilung vom aktiv Versicherten zum Rentner stattfindet, wenn die versprochenen Leistungen mit den Finanzmarkterträgen nicht finanziert werden können?

Dasselbe geschieht bei Beitragsprimatkassen, wenn der technische Zinssatz höher ist als die erreichte Rendite oder wenn generell der Umwandlungssatz zu hoch ist. Richtig ist, dass der Mechanismus im Leistungsprimat für den Versicherten schwieriger zu verstehen ist als im Beitragsprimat. Ich will aber der politischen Diskussion über den Primatwechsel nicht vorgreifen. Ich kann mit beiden Systemen leben.

 

 

ZUR PERSON

INFOTHEK


Der Ökonom Hansjürg Schwander ist 1986 in die damalige Merkur eingetreten, die später zur Valora wurde. Dort leitete er unter anderem das Konzernrechnungswesen, ehe er 2003 die Führung der Valora-Pensionskasse übernahm. Seit März 2009 ist Schwander Direktor der Bernischen Pensionskasse (BPK), wo Verwaltungs-, Spitalangestellte und Polizisten versichert sind. Per Ende 2008 zählte die BPK 32500 aktiv Versicherte und 10800 Rentner.

Beitragsprimat: Die Höhe der Altersleistung berechnet sich auf Grund der einbezahlten Beiträge plus Zins.

Leistungsprimat: Die Altersleistung wird im Voraus festgelegt – und zwar auf Grund des versicherten Lohnes. Davon ausgehend wird die Höhe der Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber bestimmt.

Umwandlungssatz: Damit wird im Beitragsprimat die Rente berechnet. Ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent ergibt pro 100000 Franken Kapital eine Jahresrente von 6800 Franken. 

 

Erschienen in der BZ am 20. Mai 2013


Claude Chatelain