Vierte Säule: Strukis sind nicht umsonst, aber vergebens

Der Arzt, zu einem dringenden Hausbesuch gerufen, wird an der Haustür von einer schluchzenden Frau empfangen: «Sie sind umsonst gekommen, Herr Doktor!» – «Nicht umsonst, nur vergebens!»

Auch in der Finanzbranche gibt es nichts umsonst. Von Nobelpreisträger Milton Friedman stammt der Satz: «There is no such thing as a free lunch.» Wörtlich übersetzt: «So etwas wie ein Gratismittagessen gibt es nicht.» Frei übersetzt: Wo Chancen winken, lauern auch Risiken.

Das sollte sich merken, wer sich durch überdurchschnittliche Zinsen anlocken lässt. Wiederholt wird etwa die Frage gestellt, ob die Obligation X, welche einen Zins von 7 Prozent abwirft, auch sicher sei. Keine Antwort ist einfacher: Sie ist sicherer als die Obligation, welche 8 Prozent abwirft. Sie ist aber weniger sicher als die Obligation mit 6 Prozent.

 

Milton Friedmans Worte gelten auch für strukturierte Produkte. Sie haben zwar durch den Kollaps von Lehman Brothers und den Enttäuschungen über die schlechte Performance einen Dämpfer erhalten, werden aber von den Banken immer noch intensiv beworben. Strukturierte Produkte sind komplizierte Konstrukte, sodass man auf die Aussagen des Verkäufers vertrauen muss. Das allein ist schon schlecht genug. Doch was der Verkäufer über die Sicherheit solcher Produkte auch sagen mag: Auch «Strukis» sind nicht umsonst. Im Gegenteil: Je komplizierter ein Finanzprodukt, desto besser lassen sich Kosten verstecken. Dies ist auch der Grund, weshalb die Banken diese undurchsichtigen Finanzvehikel derart bewerben.

 

«Strukis» sind nicht umsonst zu haben. Sind sie aber vergebens? Zumal für die Finanzindustrie sind sie ganz sicher nicht vergebens.

 

Erschienen in der BZ am 19. Mai 2009

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Claude Chatelain