Chirurgen: «Jetzt handeln wir»

Jetzt schalten sich auch die Chirurgen in die gesundheitspolitische Debatte ein und stellen die eigene Qualitätssicherung vor.

Man stelle sich vor: Eine alte, schwer kranke Frau liegt im Spital. Man gibt ihr nur noch wenige Tage, höchstens ein paar Wochen. Das Spital wird alles daran setzen, die Frau ins Pflegeheim zu transferieren. Es wird damit die Statistik der Mortalitätsrate beschönigen.

 

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat vor einem Monat eine Pilotstudie über verschiedene Qualitätsmerkmale in Schweizer Akutspitälern vorgestellt. Für 30 Krankheitsgruppen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenentzündung oder Hüftgelenkersatz wurden für jedes Spital Fallzahlen und Sterberaten erhoben, im Fachchinesisch Mortalitätsrate genannt. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man daraus schliessen: je höher die Mortalitätsrate, desto schlechter das Spital. Das BAG will solche Qualitätsindikatoren jährlich publizieren.

 

«Unbrauchbar»


Gestern meldeten sich die Chirurgen bzw. Vertreter des Verbands chirurgisch tätiger Ärzte Schweiz FMCH zu Wort. «Die Liste der Qualitätsindikatoren der Schweizer Akutspitäler des BAG ist als Qualitätsindikator unbrauchbar und verunsichert vor allem die Patienten», sagte Verbandspräsident Urban Laffer vom Spitalzentrum Biel an einer Medienkonferenz in Bern.

 

Nur für internen Gebrauch


Während sich Ärzteorganisationen üblicherweise mit Obstruktion und weniger mit konstruktiven Lösungen profilieren, wählte der FMCH einen anderen Weg und stellte eine eigene Qualitätskontrolle vor. Schon seit 1995 würden Kliniken und Praxen ihre Operationsdaten in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung in der Chirurgie (AQC) erfassen. Kliniken und Ärzte könnten sich mit anderen Kliniken und Ärzten vergleichen und allenfalls Verbesserungsmöglichkeiten erkennen. Bisher waren solche Daten ausschliesslich für den internen Gebrauch gedacht. Doch in Zukunft wollen die Chirurgen gewisse Qualitätsmerkmale der Öffentlichkeit zugänglich machen, war gestern zu erfahren.

 

Bei diesem Projekt mit dem abschreckenden Namen «fmCh PublicDatabase» kann der Patient Einsicht in seine Daten verlangen und diese bestätigen, korrigieren und sich zu seiner Zufriedenheit mit Arzt und Klinik äussern. Für den FMCH ist damit die Zufriedenheit des Patienten oberstes Qualitätsmerkmal. Schon ab Januar 2010 soll mit diesen Daten regelmässig ein Spital- und Ärztespiegel publiziert werden. «Der Spiegel soll sich zu einem der wichtigsten Monitore des Schweizerischen Gesundheitswesen entwickeln und sich als Modell der Qualitätstransparenz von Ärzten und Spitälern etablieren», sagte Urban Laffer.

Warum erst jetzt?

 

Warum werden die Daten erst jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht? Hat etwa die umstrittene Pilotstudie des BAG die Chirurgen dazu gebracht, selber aktiv zu werden? «Nein», sagt Luzi Rageth von der Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung. Das Projekt sei schon länger geplant. «Wir spürten den Druck der Öffentlichkeit, für mehr Transparenz in der Qualitätssicherung zu sorgen.»

 

Erschienen in der BZ am 14. Mai 2009

Claude Chatelain