Neue Zahlen ohne neue Erkenntnisse

Ist die Situation der Pensionskassen doch nicht so dramatisch wie bisher angenommen? Der Bund liefert neue Zahlen.

Seit Anfang Jahr überbieten sich einschlägige Institutionen mit Hiobsbotschaften über die mangelhafte Deckung der Pensionskassen. Mitte Februar zum Beispiel stellte die Swisscanto sogar ein neues Pensionskassenmonitoring vor. Mit dieser Schätzmethode will das Gemeinschaftsunternehmen der Kantonalbanken viermal pro Jahr den durchschnittlichen Deckungsgrad der Pensionskassen in der Schweiz publizieren. Etwas später, heuer am 15.Mai 2009, sollten dann genauere Resultate bekannt gegeben werden, welche auf der jährlich durchgeführten Umfrage beruhen. Wobei auch diese Ergebnisse nur provisorisch sind, da die Resultate zur Zeit der Umfrage weder vom Experten noch von der Revisionsstelle überprüft und abgenommen worden sind.

 

Gemäss dem Swisscanto-Monitor von Mitte Februar sollen 25 Prozent der Kassen per Ende 2008 einen Deckungsgrad von unter 90 Prozent aufgewiesen haben. Das heisst, jede vierte Kasse müsste laut der Swisscanto saniert werden. Gestern gab nun das Bundesamt für Sozialversicherungen ihre Resultate bekannt, welche weniger dramatisch ausfallen. Danach wiesen «lediglich» 13,5 Prozent aller Pensionskassen Ende 2008 einen Deckungsgrad von unter 90 Prozent auf. Also gut die Hälfte dessen, was die Swisscanto prognostizierte.

 

Nur die halbe Wahrheit

 

Damit sei die Frage aufgeworfen, was die inflationäre Bekanntmachung von durchschnittlichen Deckungsgraden überhaupt bringt – ausser dass der Herausgeber der Zahlen wiederholt in die Medien kommt. Auch die Erhebungsmethode des Bundesamts liefert kaum verlässliche Zahlen. Sie beruht auf Erfahrungswerten aus dem Jahr 2007, als ob die Pensionskassen die Aufteilung des Vermögens in Stein gemeisselt hätten. Wenn die Pensionskassen ihren Aktienanteil verändern, wovon auszugehen ist, nützen Daten aus dem Jahr 2007 wenig. Hinzu kommt, dass der Deckungsgrad eh nur die halbe Wahrheit erzählt (siehe auch Ausgabe vom 19.Februar 2009). Für Thomas Hohl von der Migros-Pensionskasse ist der Deckungsgrad ein Schönheitswettbewerb. Und für Stephan Gerber ist der Deckungsgrad «eine geliebte Messgrösse zur Vortäuschung von Sicherheit». Gerber ist Präsident der Kammer Schweizer Pensionskassen-Experten. Denn der Anteil der Rentner und der technische Zins sind ebenso wichtige Kennziffern, damit die Sanierungsbedürftigkeit einer Pensionskasse beurteilt werden kann.

 

Sich weiter verschlechtert

 

Nicht überraschend ist schliesslich der Befund des Bundesamts, dass sich die Situation von Anfang Jahr bis Ende März weiter verschlechterte. Wie das Bundesamt mitteilt, müssen die Vorsorgeeinrichtungen, die eine Unterdeckung aufweisen, ihrer Aufsichtsbehörde bis Ende Juni darlegen, wie sie diese Situation korrigieren wollen. Das Gesetz verlangt, dass die Korrektur in der Regel innerhalb von fünf bis sieben Jahren, maximal innerhalb von zehn Jahren geschieht.

 

Erschienen in der BZ am 7. April 2009

Claude Chatelain