Das Defizit – die nächste Zeitbombe

Die massiven Verschuldungen werden zu höheren Inflationsraten in den USA führen. Die Frage ist bloss, wann die Preissteigerung einsetzt und wieweit sich die Schweiz diesem Trend zu entziehen vermag. Die Aussichten sind düster.

Zuerst ein paar Zahlen: Das Haushaltsdefizit der USA belief sich 2008 auf 3 Prozent. 2009 wird es rund 12 Prozent betragen. Für den bereits hohen Schuldenberg bedeutet das Folgendes: Per Ende September 2008 betrug die ausstehende Staatsschuld in den USA rund 70 Prozent des Brutto-Inlandproduktes (BIP). Sollten alle seit August 2008 gesprochenen Unterstützungszahlungen und Garantien eingelöst werden, addiert sich das Total der Stimulierungsmassnahmen auf 9500 Milliarden Dollar. Dieser Betrag allein macht 65 Prozent des BIP aus. Zusammen mit der bereits erdrückenden Schuldenlast steigt die Verschuldung in den nächsten drei Jahren auf über 130 Prozent des BIP.

 

Zur Erinnerung: Die EU-Staaten mussten ihre Staatsschuld auf 60 Prozent begrenzen, um sich der europäischen Währungsunion anschliessen zu können.

 

55000 Milliarden Dollar


Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wie Christoph Buchmann von der InCentive Asset Management in Zürich erklärt, müssten noch die versprochenen Leistungen der Sozialversicherungen berücksichtigt werden. Zählt man alle Verpflichtungen, auch jene der Sozialversicherungen, zusammen, ergibt das einen Betrag von 55000 Milliarden Dollar. Wer lieber mit Nullen rechnet: 55000000000000 Dollar. Dieser Betrag entspricht dem Vierfachen des BIP. «Zu gross, um je ausbezahlt zu werden», sagt Buchmann. «Es ist eine Frage der Zeit, bis die Verpflichtungen nach unten korrigiert werden müssen.»

 

Was machen die Chinesen?


Eine zentrale Frage besteht darin, wer die unzähligen Obama-Bonds kaufen will. Bisher wurden die Fehlbeträge im US-Haushalt mit Staatsobligationen finanziert, gekauft massgeblich durch die Notenbanken von China und früher von Japan. Ob das auch in Zukunft der Fall sein wird, ist zu bezweifeln. «Dass sich die US-Aussenministerin Hillary Clinton bei den Chinesen für den Kauf von US-Bonds bedankte, deutet schon darauf hin, dass die Chinesen nicht unbeschränkt Obama-Bonds kaufen werden», sagt Volkswirtschaftsprofessor Klaus Neusser der Uni Bern. Somit wird die US-Notenbank einspringen müssen, wie sie das im grossen Stil bereits getan hat. «Wenn die US-Notenbank Staatspapiere kauft, muss sie die Notenpresse anwerfen», sagt Klaus Neusser. «Wir müssen damit rechnen, früher oder später wieder hohe Inflationsraten zu haben». Hoch heisst 5 Prozent und mehr.

 

Auch für Professor Yvan Lengwiler von der Uni Basel wird die Inflation kaum zu vermeiden sein. Falls die Asiaten die Obligationen kauften, käme das einer massiven Zunahme der Aussenverschuldung gleich. Weil Schulden zurückbezahlt werden müssten, wäre der Anreiz, diese Schulden «wegzuinflationieren», wohl unwiderstehlich, schreibt Lengwiler in der NZZ. Und wenn die Notenbank die Staatsobligationen übernimmt, «kommt dies einer Finanzierung mit der Notenpresse gleich und wirkt direkt inflationär».

 

Gibt es überhaupt ein Szenario, wie die Inflation vermieden werden kann? Klaus Wellershoff, der abtretende Chefökonom der UBS, sagt «Ja». Theoretisch möglich wäre, dass das Fed die en masse gekauften Staatspapiere auf den Markt wirft, sobald die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wieder ansteigt. Damit könnte dem Markt die überschüssige Liquidität entzogen werden. Wird aber der Markt mit Staatsobligationen überschwemmt, hätte das einen Preiszerfall eben dieser Papiere zur Folge, was gleichzeitig deutlich höhere Zinsen bedeuten würde. Doch Wellershoff glaubt nicht, dass dieses Szenario eintreffen wird. Der politische Druck werde ein drastisches Ansteigen der Zinsen verhindern.

 

Die Schweiz im Kielwasser


Nach Einschätzung des UBS-Ökonomen wird auch die Schweiz nicht ungeschoren davonkommen, obschon sie im Vergleich zu anderen Wirtschaftsnationen punkto Schuldenpolitik als Musterknabe gilt. «Die hohe Staatsverschuldung Europas und der USA werden die wichtigsten Handelswährungen der Schweiz derart unter Druck setzen, dass die Nationalbank zur Schwächung des Frankens Gegensteuer geben muss.» Das geht laut Wellershoff nur mit einer reichlichen Liquiditätszufuhr, was wiederum zu höheren Preisen führen wird.

 

Keine rosigen Aussichten, wenn man bedenkt, dass die Nationalbank schon seit längerem eine expansive Geldpolitik betreibt.

 

 


INFOTHEK

Inflation ist Gift für die Wirtschaft. Wenn das Geld immer weniger Wert hat, nimmt real betrachtet auch das Volksvermögen ab. Der Franken von morgen ist weniger wert als der Franken von heute.

Es gibt aber auch Teilnehmer in einer Volkswirtschaft, bei denen eine nachhaltige Geldentwertung durchaus willkommen ist. Jene, welche Schulden haben. Zu denken sei an die Eigenheimbesitzer. Nominal bleibt die Hypothekarschuld bei Preissteigerungen unverändert; real nimmt sie ab, wenn das Geld immer weniger Wert hat.
Insgeheim freuen wird sich auch der Finanzminister, weil die Schuldenlast bei Preissteigerungen ohne sein Zutun abnimmt.

Schliesslich werden sich insbesondere die Pensionskassenverantwortlichen ob einer Inflation ins Fäustchen lachen. Die Aktiven sind Nominalwerte; die Passiven Realwerte. Die tiefen Deckungsgrade erscheinen bei hohen Inflationsraten in einem günstigeren Licht.

Erschienen in der BZ am 30. März 2013


Claude Chatelain