Immer mehr Kassen sind im roten Bereich

Der durchschnittliche Deckungsgrad der Pensionskassen ist im zurückliegenden Jahr von 112 auf 94,4 Prozent gefallen. Jede vierte Kasse müsste laut Swisscanto saniert werden. Doch der Deckungsgrad ist nicht das Mass aller Dinge.

94,4 Prozent betrug laut Schätzungen von Swisscanto der durchschnittliche Deckungsgrad der Schweizer Pensionskassen per Ende 2008. Geschätzt wurde diese Zahl durch den neuen Pensionskassenmonitor, der gestern erstmals publiziert und den Medien vorgestellt wurde. Swisscanto, ein Gemeinschaftsunternehmen der Kantonalbanken, will fortan den durchschnittlichen Deckungsgrad viermal jährlich publizieren – und damit viermal jährlich in den Medien erscheinen.

 

Bei dieser Zahl handelt es sich nur um eine Schätzung. Am 15. Mai 2009 wird dann Swisscanto die Resultate ihrer Pensionskassenumfrage präsentieren, welche aber auf provisorischen Daten beruhen und daher ebenfalls nicht endgültig sind. Endgültige Resultate sind frühestens im August erhältlich.

 

Im Jahr 2008 ist der durchschnittliche Deckungsgrad von 112 auf 94,4 Prozent gefallen und hat damit 17,6 Prozentpunkte eingebüsst. Der Verlust ist – wen erstaunts – auf die negativen Aktienrenditen zurückzuführen. Laut Swisscanto haben 25 Prozent der Kassen einen Deckungsgrad von unter 90 Prozent. Dies bedeutet gemäss der Praxis der Aufsichtsämter, dass jede vierte Kasse Sanierungsmassnahmen einleiten müsste.

 

Nur die halbe Wahrheit

 

Doch der Deckungsgrad ist nicht das Mass aller Dinge. «Der Deckungsgrad ist ein Schönheitswettbewerb», sagt Thomas Hohl, Geschäftsführer der Migros-Pensionskasse. Noch pointierter äussert sich der Pensionskassen-Experte Stephan Gerber: «Der Deckungsgrad ist eine geliebte Messgrösse zur Vortäuschung von Sicherheit», so der Präsident der Kammer Schweizer Pensionskassen-Experten. Und der Pensionskassen-Spezialist Werner C.Hug erklärt: «Der Deckungsgrad allein sagt nicht viel aus. Massgebend ist die Struktur der jeweiligen Pensionskasse.» So sind der Anteil der Rentner und der technische Zins ebenso wichtige Kennziffern. Der technische Zins entspricht – vereinfacht gesagt – den erwarteten künftigen Renditen.

 

Für Stephan Gerber ist eine Vorsorgeeinrichtung mit ausschliesslich aktiven Versicherten und einem Deckungsgrad von 89 Prozent sicherer als eine reine Rentnerkasse mit einem Deckungsgrad von 98 Prozent. «In der Kasse der Aktivversicherten kann der Zins laufend an die Marktverhältnisse angepasst werden, bis hin zur Nullverzinsung, womit sie sanierungsfähig ist. In der Rentenkasse muss ein Zins von 4,5 bis 5 Prozent auf den Anlagen erzielt werden; es können in der Regel weder Sanierungsbeiträge erhoben noch Leistungskürzungen vorgenommen werden, da besteht keine Sanierungsfähigkeit.»

 

Beispiele: Die Bernische Lehrerversicherungskasse (BLVK) hat einen höheren Deckungsgrad als Ascoop – und ist trotzdem schlechter dran. Sie hat einen technischen Zins von 4 Prozent gegenüber 3,5 Prozent der Ascoop. Würde auch die BLVK mit 3,5 Prozent kalkulieren, sänke der Deckungsgrad auf rund 68 Prozent.

 

Die Post hat viele Rentner

 

Die Post steht mit einem Deckungsgrad von 88,3 Prozent insofern nicht allzu schlecht da, da sie mit einem technischen Zins von 3,5 Prozent rechnet. Dafür ist der Anteil des Rentnerkapitals überdurchschnittlich hoch. Da nämlich die Rentner nicht zur Sanierung herangezogen werden können, ist die Risikofähigkeit dieser Kasse stark eingeschränkt. Dies im Unterschied zur Ruag: Das Rentnerkapital hat einen Anteil von bloss 32 Prozent. Da ist der Deckungsgrad von 90,1 Prozent noch nicht alarmierend, auch nicht bei einem technischen Zins von 4 Prozent.

 

 

 

KOMMENTAR: Nur nichts überstürzen

Laut Swisscanto hat jede vierte Pensionskasse in der Schweiz einen Deckungsgrad von unter 90 Prozent. Nach offizieller Lesart heisst das, dass jede vierte Pensionskasse eigentlich saniert werden müsste.

 

Sanieren kann man eine Pensionskasse auf vielfältige Art. Man kann das Pensionskassenguthaben zu einem tieferen Zins verzinsen als gesetzlich vorgeschrieben. Oder man kann ganz einfach die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge erhöhen.

 

Doch diese zweite Massnahme ist zum heutigen Zeitpunkt fragwürdig. Höhere Arbeitnehmerbeiträge bedeutet ein tieferes Netto-Einkommen. Und je tiefer das verfügbare Einkommen, desto geringer die Kauflust.

Es wäre ja wirklich seltsam, wenn mit der einen Hand Steuergelder von über einer Milliarde Franken zur Stimulierung der Wirtschaft locker gemacht werden, nur um mit der anderen Hand via Pensionskassen die Stimulierung abzuwürgen.

Die Basler Ständerätin Anita Fetz verlangte deshalb in einer Motion ein «Moratorium für einschneidende

 

Sanierungsmassnahmen bei Pensionskassen in Unterdeckung». Keine dumme Idee angesichts der Tatsache, dass der Deckungsgrad einer Pensionskasse so oder so nur die halbe Wahrheit erzählt.

 

Erschienen in der BZ am 19. Februar 2009


Claude Chatelain