Kampf dem Raser – Kampf dem Abo

Mit einem neuen Preissystem könnten die Unfälle auf Skipisten reduziert werden, meinte Professor Reiner Eichenberger in dieser Zeitung. Unfallverhüter zweifeln an dieser These, und Branchenvertreter bekämpfen sie.

Reiner Eichenberger
Reiner Eichenberger

Der Vorschlag von Reiner Eichenberger besticht: Wie die Fluggesellschaften und Hotels sollten auch die Skilifte je nach Zeit und Auslastung variable Preise verlangen. Dies schrieb der Ökonomieprofessor der Uni Freiburg am Samstag in einer Kolumne dieser Zeitung. Je mehr Leute sich auf der Piste tummeln, desto höher müsste der Preis für die Fahrt nach oben sein. Mit diesem zeit- und auslastungsabhängigen Pricing will der Volkswirtschafter nicht nur die Warteschlangen verkürzen, sondern auch die Raserunfälle bekämpfen. «Es gilt, den Ski- und Snowboardfahrern stärkere Anreize zu geben, weniger schnell und nicht bis zur völligen Erschöpfung zu fahren», schreibt Eichenberger. Dies könnte man dadurch erreichen, dass für jede einzelne Bergfahrt ein angemessener Preis verlangt wird, der eben abhängig sei von der Zeit und der Auslastung. Wenn nämlich die Fahrer mit Tages-, Wochen- oder Saisonkarten unterwegs seien, koste die einzelne Bergfahrt nichts. Die logische Folge sei ungebremstes Skifahren.

 

bfu: Viele Unbekannte

 

«Ein interessanter Denkansatz», findet Fränk Hofer, Leiter Sport bei der bfu-Beratungsstelle für Unfallverhütung. «Wir wissen aber noch zu wenig über die Unfallursachen.» Die These, wonach Vielfahrer ein grösseres Unfallrisiko aufweisen, könne er nicht bestätigen. Das Gleiche sagt Edith Müller, Kampagnenleiterin Schneesport bei der Suva.

 

Eichenbergers Vorschlag zielt auf eine völlige Umkehr der Tarifpolitik. Heute verkaufen die Bahnen Zeit, nicht Leistungen. Das heisst, sie verkaufen Halbtages-, Tages- oder Wochenkarten statt Einzelfahrten. Würden die Bahnen auf ein leistungsorientiertes Tarifsystem wechseln, würde damit das Unfallrisiko laut Schilthornbahn-Direktor Peter Feuz nicht geschmälert, da man ja trotzdem Mehrfahrtenrabatte gewähren müsste.

 

«Mengenrabatte würden die Fahrer erst recht dazu verleiten, eher mehr als zu wenig zu fahren.» Und Renate Schoch vom Branchenverband Seilbahnen Schweiz macht geltend, dass auf gut frequentierten Skipisten das Unfallrisiko mangels Platz zum Rasen geringer sei.

Thomas Bieger
Thomas Bieger

«Spannender Gedanke»

 

Thomas Bieger, Direktor des Instituts für Öffentliche Dienstleistungen und Tourismus in St. Gallen (IDT) und VR-Präsident der Jungfraubahn, findet den Denkansatz von Eichenberger «einen spannenden Gedanken». Doch die Hauptleistung einer Bergbahn sei nicht der Transport, sondern die Bereithaltungskosten vom Parkplatz über die Pistenpräparierung bis zu den Toiletten. Die Infrastruktur werde von allen mehr oder weniger gleichmässig benützt, unabhängig von der Anzahl Fahrten.

 

Das IDT ist derzeit an einer Studie, die der Frage nachgeht, wie die Bergbahnen die Preisgestaltung verbessern könnten. So viel kann Professor Bieger schon heute bestätigen: «Es ist nicht davon auszugehen, dass in der Studie ein von der Transportleistung weit gehend unabhängiges Preissystem empfohlen wird.» Wahrscheinlicher ist, dass die Studienautoren unter anderem dafür plädieren, dem früh buchenden Kunden einen Frühbuchungsrabatt zu gewähren, da dieser auch ein gewisses Risiko übernimmt.

 

Der Kunde trägt das Risiko

 

Gerade die Frage des Risikos dürfte mit ein Grund sein, weshalb die Bergbahnen an Eichenbergers Vorschlag kaum Freude bekunden. Wenn nämlich die Bergbahnen die Zeitperiode verkaufen, übertragen sie das Schlechtwetterrisiko auf den Kunden. Mit dem Kauf eines Wochenabos zahlt der Skifahrer für Fahrten, auf die er wegen dicken Nebels oder starken Schneesturms lieber verzichten möchte. Wer nur Einzelfahren kauft, wäre der Gewinner. Er würde aufs Skifahren verzichten. Die Bahn wäre Verliererin, weil sie keine Fahrten verkauft.

 

Und noch ein Problem: Würden die Bergbahnen nur noch die Leistung und nicht mehr die Zeit verkaufen, könnte das Bergbahnunternehmen dem Hang erliegen, den Betrieb trotz schlechten Wetters eher zu spät als zu früh einzustellen. Das könnte sich auf die Unfallstatistik negativ auswirken.

 

Erschienen in der BZ am 3. Februar 2009

Claude Chatelain