Sagenhafte Saunanächte

Nicht ganz stilrein, aber auch nicht kitschig: Das Saunadorf in der Alpentherme von Leukerbad.
Nicht ganz stilrein, aber auch nicht kitschig: Das Saunadorf in der Alpentherme von Leukerbad.

Nach dem Finanzkollaps herrscht im Walliser Kurort Leukerbad wieder Aufbruchstimmung. Die neuste Investition: ein Saunadorf.

Das geht nicht so schnell vergessen: 1999 wurde Leukerbad zahlungsunfähig. Tollkühne Investitionen unter anderem in den Marmor-Glas-Palast Alpentherme bescherten dem Walliser Kurort die erste Zwangsverwaltung einer Schweizer Gemeinde. So kamen Hotels, Bäder und öffentliche Bauten unter den Hammer –und die deutsche Hotelgruppe Lindner zu der Alpentherme und den beiden Hotels «Maison Blanche» und «France». Sie zahlte 50 Millionen Franken dafür. Zumindest auf den ersten Blick ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass 1993 allein der Bau der Alpentherme über 52 Millionen Franken gekostet hatte und die beiden Hotels für über 10 Millionen Franken renoviert worden waren.

 

Keine Ballenberg-Kopie

 

Mussten also Burger- und Munizipalgemeinde mehrere Millionen ans Bein streichen, kommen heute die Badegäste des Thermalkurorts in den Genuss einer äusserst attraktiven Thermalbadanlage. Der Badetempel besteht aus 500 Quadratmetern Innen- und Aussenthermalbad, aus dem römisch-irischen Bad fürs Nacktbaden mit der dazugehörenden Seifenbürstenmassage und einem reichhaltigen Angebot an Wellness, Beauty und Alternativmedizin. Dazu kommt nun die neueste Errungenschaft: dem für 3 Millionen Franken erbauten Saunadorf. Es wurde vom Interlakner Architekturbüro Forum 4 um Thomas Matter und Martin Otth entworfen, die schon die gestalterische Erneuerung des Lindner Hotels Beau Rivage in Interlaken leiteten. Für den Walliser Alpenschützer und Geschichtenerzähler Andreas Weissen, von dem unten noch die Rede sein wird, ist das Saunadorf zwar nicht in allen Belangen stilrein, aber auch nicht kitschig: «Es bestand keine Absicht, ein Ballenberg zu kopieren».

 

Das Saunadorf befindet sich in einem grösseren, dunklen Raum im Untergeschoss der Alpentherme. Und in diesem Raum stehen verschiedene Walliser Häuser, in welchen dann nach unterschiedlicher Art geschwitzt werden darf. Da ist mal ein Chalet mit der Kräutersauna; ein Spycher mit den typischen Steinplatten, wo die finnische Sauna untergebracht ist; ein Mühlenhaus mit dem Steinbad und einem charakteristischen Steinhaus, in dem sich das Aromadampfbad befindet. Zu finden ist auch noch die «Gemmistube» für Getränke und Snacks sowie ein Dorfbrunnen für das Fussbad zwischen den Saunagängen. Es fehlt nur noch die Kirche.

 

Walliser Geschichten

 

Um dem Walliser Saunadorf auch etwas Leben nach Walliser Art einzuhauchen, haben die Lindner Hotels den genannten Geschichtenerzähler Andreas Weissen angeheuert. An einer Präsentation vor Journalisten erklärte Weissen, wie das Geschichtenerzählen im alpinen Binnental seit jeher eine besondere Bedeutung hatte. «Boozugschichtä» nennt man das. So hat das «Walliser Urgestein mit Herz» («Walliser Bote») einmal pro Monat im Saunadorf seinen Auftritt, um den schwitzenden Gästen zwischen den Saunagängen schauerliche Geschichten zu erzählen. Das Angebot heisst sinnigerweise «Sagenhafte Walliser Saunanacht» und kostet 69 Franken.

 

Wenn nun Weissen zur Blockflöte oder zum Alphorn greift, schwärmen die Saunabesucher aus ihren heissen Häuschen, duschen sich, genehmigen sich eine warme Fleischsuppe, legen sich auf den Liegestuhl und hören, was Weissen über Teufel, Hexen, Gespenster und Totenprozessionen zu erzählen weiss. Mehrsprachigkeit ist von Vorteil: Andreas Weissen erzählt «uf Wallisertitsch».

 

Erschienen in der BZ am 19. Dezember 2008

Claude Chatelain