Kinder sind uns lieb - und teuer

Bei der Geburt des ersten Kindes erreichen die Kosten eine erste Spitze. Danach sinken die Kosten
Bei der Geburt des ersten Kindes erreichen die Kosten eine erste Spitze. Danach sinken die Kosten

Kinder gehen ins Geld: Rund 17000 Franken jährlich kostet ein Kind, bis es 20 ist. Es liegt aber auch im Ermessen der Eltern, wie viel sie für den Nachwuchs ausgeben. Die Kinderzulage beträgt ab 1. Januar 2009 mindestens 200 Franken.

 

Die Studie ist zwar nicht mehr taufrisch, hat aber an Aktualität kaum eingebüsst: Die Kosten für ein Kind summieren sich bis zum 20. Altersjahr auf 340'000 Franken. Das sind 17'000 Franken pro Jahr; 1417 Franken pro Monat. Das zweite Kind kostet dann nicht mehr ganz so viel, aber immer noch zwischen 150'000 und 180'000 Franken. All diese Angaben gelten für mittlere Einkommen. Bei hohem Haushaltseinkommen sind die direkten Kinderkosten proportional höher, bei tiefem Einkommen proportional niedriger. Diese Zahlen stammen aus der breitangelegten Studie «Kinder, Zeit und Geld» aus dem Jahr 1998. Verfasst wurde sie vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen.

Die indirekten Kosten als Folge einer Einschränkung der Erwerbstätigkeit sind noch höher als die direkten Kosten.
Die indirekten Kosten als Folge einer Einschränkung der Erwerbstätigkeit sind noch höher als die direkten Kosten.
Die indirekten Kosten, also die Aufgabe oder zumindest die Reduktion der Erwerbstätigkeit, sind bei diesen Schätzungen noch nicht berücksichtigt. Diese sogenannten Zeitkosten sind noch höher als die direkten Kosten. Die Autoren der Bass-Studie beziffern diese auf 480'000 Franken. Die meisten Mütter reduzieren ihr Pensum, wenn sie ein Kind zu betreuen haben. Einige sind bereits nach wenigen Jahren wieder 100-prozentig erwerbstätig; andere erst wenn die Kinder aus der Schule sind. Im Schnitt beträgt der Erwerbsausfall der Mütter acht Jahre, so die Schätzung der Autoren. Die direkten Kosten von 340'000 und die indirekten Kosten von 480'000 Franken ergeben somit einen Betrag von 820'000 Franken: So viel kostet ein Kind über all die Jahre bis zum 20. Altersjahr. Bei zwei Kindern steigt dieser Gesamtbetrag auf 1,17 Millionen, bei drei Kindern auf 1,42 Millionen Franken.

 

Eine andere Studie der Universität Freiburg ergab, dass das erste Kind einer Familie zusätzliche Kosten von 24 Prozent verursacht, das zweite 19 und das dritte noch 17 Prozent. Damit müsste ein Ehepaar mit einem Kind das 1,24-fache Einkommen eines kinderlosen Paars haben, um auf denselben Lebensstandard zu kommen, eines mit zwei Kindern das 1,43-fache, eines mit drei Kindern das 1,6-fache. Der Anstieg der Belastung verringert sich also nach dem ersten Kind. Dass das theoretisch nötige zusätzliche Einkommen von der Grösse des bestehenden Haushalts abhängt, leuchtet ein: Wenn in einer fünfköpfigen Familie noch ein weiteres Kind dazukommt, ist die Veränderung nicht gleich gross, wie wenn eine alleinstehende Frau ein Kind bekommt.

 

Einen Anhaltspunkt für die Kosten eines Kindes liefert die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS). Die SKOS-Zahlen sagen nichts darüber aus, wie viel ein Kind braucht; die SKOS rechnet mit Pauschalbeträgen, die nach Haushaltsgrösse abgestuft sind: Ein Zweipersonenhaushalt erhält einen Grundbedarf von 1469 Franken; ein Fünfpersonenhaushalt 2323 Franken. Der Pro-Kopf-Bedarf schwankt also zwischen 735 und 465 Franken. Wohnungskosten, Krankenkassenprämien, Fremdbetreuung und Ferien sind darin nicht eingerechnet. Laut SKOS-Geschäftsführer Ueli Tecklenburg muss man für ein Kind grob geschätzt mit 400 bis 600 Franken an monatlichen Kosten rechnen.

Stirbt ein Elternteil, hat das Kind Anspruch auf eine Waisenrente von maximal 884 Franken.
Stirbt ein Elternteil, hat das Kind Anspruch auf eine Waisenrente von maximal 884 Franken.

Einen weiteren Anhaltspunkt liefert die AHV. Stirbt ein Elternteil, hat das Kind Anspruch auf eine Waisenrente. Die maximale Waisenrente beträgt derzeit 884 Franken. Dies ist häufig auch der maximale Betrag, den eine Gemeinde an Alimenten vorschiesst, falls der säumige Ehegatte seiner Zahlungspflicht nicht nachkommt. Pro Jahr sind das maximal 10'608 Franken. Aufgerechnet auf 20 Jahre, ergibt das einen Betrag von 212'160 Franken. Ein Klacks im Vergleich zu den 340000 Franken, die die Bass-Autoren errechnet haben.

 

Dieser markante Unterschied lässt sich damit erklären, dass es in einer Wohlstandsgemeinschaft im Ermessen der Erziehenden liegt, wie viel sie für das Kind ausgeben möchten. Den Eltern ist es freigestellt, ob sie auf jeden modischen Trend aufspringen, den Kindern Designerkleider anziehen und sie mit allen erdenklichen Spielsachen eindecken. Wer auch schon mal eine Kleider- oder Spielzeugbörse besucht hat, wird bestätigen: Was nicht als einwandfreie Ware daherkommt, bleibt liegen. Die Kinderwagen, denen man auf den Trottoirs begegnet, sind meist neu und häufig topmodern, obschon in manchen Fällen das Grosi ein älteres Vehikel eigens für die Enkel im Estrich lagert. Bei den Kindern wird nicht gespart.

 

Nun sind die Kosten für ein Kind über die 20 Jahre hinweg nicht immer gleich. Bei der Geburt des ersten Kindes erreichen sie eine erste Spitze, vor allem wegen der nötigen Erstanschaffungen wie Kinderbett und Wickeltisch sowie wegen der nicht gerade billigen Babynahrung und der Wegwerfwindeln. Danach sinken die Kosten, steigen aber mit zunehmendem Alter wieder an. Oder anders gesagt: Kleinkinder im Vorschulalter verursachen unterdurchschnittliche Kosten. Die Kosten der Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 20 Jahren hingegen liegen um rund einen Drittel über dem Durchschnitt. 

Eine Volkswirtschaft hat alles Interesse daran, die Erziehung von Kindern zu unterstützen. Denn wer sonst soll in Zukunft die AHV finanzieren? Doch von den insgesamt 47 Milliarden Franken, die laut Bass-Studie die Kinder jährlich kosten, wird lediglich etwa ein Sechstel durch staatliche Leistungen ausgeglichen, im Wesentlichen durch Familienzulagen und Steuererleichterungen. Am 1. Januar des kommenden Jahres tritt das neue Gesetz über Familienzulagen in Kraft. Danach beträgt die Zulage für Kinder bis 16 Jahre mindestens 200 Franken pro Monat. Ältere Kinder, die noch in der Ausbildung stehen, erhalten bis maximal zum 25. Altersjahr eine Ausbildungszulage von 250 Franken.

 

Das sind Minimalbeträge, denn den Kantonen ist es freigestellt, höhere Kinderzulagen zu verordnen. So gibt es Kantone, die schon heute höhere Zulagen gewähren, zum Beispiel der Kanton Zug, der ganze 250 Franken zuschiesst. Andere wie Bern, Zürich, Graubünden, Aargau, Neuenburg und Jura hingegen müssen ihre Kinderzulagen auf Anfang 2009 anheben.

 

Doch auch die höchsten Kinderzulagen vermögen die Kosten nicht zu decken – sie sind nur ein Deckungsbeitrag. Das zeigt der Vergleich der Kinderzulage mit den Richtlinien der SKOS. Immerhin erhalten ab 1. Januar 2009 alle Teilzeitarbeitenden die volle Zulage von mindestens 200 Franken, sofern sie mindestens 6840 Franken im Jahr verdienen, und Erwerbslose erhalten unter gewissen Umständen neu auch Zulagen für ihren Nachwuchs.

 

Weniger transparent sind da im Vergleich die steuerlichen Erleichterungen. Für jedes Kind wird in der Steuererklärung ein bestimmter Abzug gewährt. Die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn auch hier dieser Betrag nicht von Kanton zu Kanton unterschiedlich ausfallen würde. Für die direkte Bundessteuer können also pro minderjähriges oder in Ausbildung stehendes Kind 6100 Franken vom steuerbaren Einkommen in Abzug gebracht werden. Bei den Kantonssteuern beträgt der Abzug zwischen 750 Franken im Kanton Basel-Landschaft und 10900 Franken im Tessin. Je nach Kanton können dann zusätzlich bis zu einem bestimmten Höchstbetrag noch Ausbildungskosten geltend gemacht werden. Im Kanton Bern beispielsweise beträgt der normale Kinderabzug 4400 Franken. Bei einer auswärtigen Ausbildung oder für nachgewiesene zusätzliche Ausbildungskosten können zusätzliche 4400 Franken geltend gemacht werden.

 

«Vor allem die umfangreichen indirekten Kosten, also die Einkommenseinbussen der Mütter, bleiben weitestgehend ungedeckt», schreiben die Autoren der Bass-Studie. Ein besserer Ausgleich dieser Zeitkosten liesse sich erzielen, wenn Frauen die Möglichkeit geboten würde, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Dies geschieht etwa durch die Förderung von Teilzeitarbeit, durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit sowie durch die Subventionierung von Tagesschulen und anderen Einrichtungen, die die Betreuung der Kinder übernehmen.

 

Erschienen im BEOBACHTER am 31. Oktober 2008

Claude Chatelain