Bern zahlt mehr als der Durchschnitt

Die Prämien der obligatorischen Grundversicherung steigen 2009 im Mittel um 2,6 Prozent. Im Kanton Bern liegt der Prämienanstieg mit plus 3,8 Prozent darüber – und dürfte auch in Zukunft über dem Durchschnitt liegen.

Bernerinnen und Berner hatten schon immer überdurchschnittlich hohe Prämien zu verkraften. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will nicht länger zusehen, wie in einigen Kantonen zu Gunsten anderer Kantone überdurchschnittlich hohe Reservepolster gebildet werden. Das machte gestern BAG-Vizedirektor Peter Indra bei der Präsentation der Krankenkassenprämien 2009 klar.

 

Genf subventioniert Bern

 

Auch die betroffenen Kantone mit den üppigen Reservepolstern von über 30 Prozent haben sich beim BAG beklagt. Indra nannte die Kantone Genf, Waadt und Zürich, welche sich dafür einsetzten, dass die Prämien in ihren Kantonen weniger stark ansteigen als von den Krankenkassen vorgesehen. In diesen drei Kantonen haben nämlich die Krankenversicherer die grössten Reservepolster angesetzt. Reserven von unter null haben die Krankenkassen dagegen in Obwalden, Uri und Bern vorzuweisen. Das heisst mit anderen Worten: In diesen drei Kantonen wurden in den vergangenen Jahren eher zu tiefe Prämien verlangt, und dies auf Kosten der Kantone Genf, Waadt und Zürich mit ihren fetten Polstern. Überspitzt und vereinfacht formuliert: Die Prämienzahler der Kantone Genf, Waadt und Zürich subventionierten die Bewohner der Kantone Obwalden, Uri und Bern. Schweizweit sollten bei den grösseren Kassen die Mindestreserven 10 Prozent, bei den kleineren Kassen 15 Prozent der Prämieneinnahmen betragen.

 

Wie viel Macht hat das BAG?

 

Es ist nicht ganz unbestritten, wieweit das BAG eine Handhabe besitzt, die kantonalen Reservequoten anzugleichen. «Die Krankenkassen sind gesamtschweizerische Unternehmen. Folglich sind auch die Reserven gesamtschweizerisch zu betrachten», erklärt Visana-Sprecher Christian Beusch. Nach seiner Überzeugung ist es auch gar nicht möglich, in allen Kantonen eine gleiche Reservequote anzupeilen. Er nennt folgendes Beispiel: Wenn ein Krankenversicherer im Kanton Appenzell Innerrhoden zwei HIV-Patienten versichert, so wird er in diesem Kanton unmöglich die schweizweit geforderten Mindestreserven ausweisen können. Sonst müssten die anderen Versicherten dieses Kantons zum Ausgleich horrend hohe Prämien bezahlen.

 

Bern über dem Schnitt

 

«Bedauerlich, aber unvermeidlich», kommentiert Erhard Ramseier, Vorsteher des kantonalbernischen Spitalamts, die aktuelle Prämienentwicklung. Während nämlich gesamtschweizerisch die Krankenkassenprämien in der obligatorischen Grundversicherung im kommenden Jahr um durchschnittlich 2,6 Prozent ansteigen werden, beträgt der Prämienanstieg im Kanton Bern plus 3,8 Prozent. Diese Differenz lässt sich laut Ramseier mit den speziellen Strukturen begründen. Denn im Kanton Bern wird ein Drittel der Spitalleistungen durch Privatspitäler erbracht.

 

Wenn nun aber im Kanton Bern die Reservenquote dem schweizerischen Mittel angeglichen werden soll, ist im Kanton Bern – wie gesagt – auch in Zukunft mit überdurchschnittlichen Prämiensteigerungen zu rechnen. Erhard Ramseier macht darauf aufmerksam, dass «die kantonalen Behörden die bestimmenden Faktoren für die Festlegung der Prämien nur wenig beeinflussen können.»

 

Erschienen in der BZ am 4. Oktober 2008

Claude Chatelain