Leibrenten: Verlässlich, aber kaum rentabel

Die von Lebensversicherern angebotenen Leibrenten garantieren ein jährliches Einkommen. Das ist komfortabel, hat aber seinen Preis. Selbst das Sparheft verspricht höhere Renditen.

Angenommen, ein 65-jähriger Mann hat 300000 Franken zur Verfügung, mit denen er neben AHV und einer kleinen Pension seinen Lebensabend finanzieren will. Sein Versicherungsberater wird ihm empfehlen, mit diesem Geld eine Leibrentenversicherung abzuschliessen. Der Mann erhielte dann bis an sein Lebensende jährlich eine garantierte Rente plus nicht garantierte Überschussanteile ausbezahlt. Bei Axa Winterthur zum Beispiel beträgt die garantierte Rente 13840 Franken. Falls die in Aussicht gestellten Überschüsse tatsächlich ausgezahlt werden, kommt der Mann auf eine jährliche Rente von 16699 Franken. Allerdings muss man damit rechnen, dass die Versicherer die Überschüsse kürzen oder gar streichen. Deshalb vertraut man am besten nur auf die garantierte Leistung – eben auf die 13840 Franken. Und da die Rente zu 40 Prozent als Einkommen zu versteuern ist, verbleibt nach Abzug der Steuern je nach Steuersatz ein garantiertes Renteneinkommen von 12000 bis 13000 Franken pro Jahr.

Statt das gesparte Geld der Versicherungsgesellschaft anzuvertrauen und auf dem Renteneinkommen Steuern zu bezahlen, könnte der Mann die 300000 Franken auf ein Sparkonto legen und jährlich zum Beispiel 15000 Franken abheben. Er hätte damit 2000 bis 3000 Franken mehr zur Verfügung als mit der Leibrente, denn diese jährlichen Bezüge müsste er nicht versteuern. Legt er die 300000 Franken zu einem bescheidenen Zins von zwei Prozent an, kann er 25 Jahre und sechs Monate davon zehren. Der heute 65-jährige Mann wäre dann über 90 Jahre alt. Erst in diesem hohen Alter müsste er von der AHV und der Pension allein leben und allenfalls Ergänzungsleistungen beantragen.

 

Leibrente hat psychologische Vorteile

 

Noch besser beraten ist der Mann, wenn er einen Teil der 300000 Franken in Obligationen und Kassenscheine investiert. Beim heutigen Zinsniveau wird es möglich sein, eine Rendite von drei Prozent herauszuholen. Bei dieser Rendite würde das Geld sogar über 30 Jahre reichen, also bis übers Alter 95 hinaus.

 

Das Zahlenbeispiel zeigt: Leibrenten sind nicht rentabel. Das hat seine Gründe. Wird die Rente mit einer einmaligen Prämie bezahlt, wird für den Fiskus eine Stempelsteuer von 2,5 Prozent abgezogen. Und obschon die 300000 Franken somit schon einmal versteuert wurden, ist die daraus bezahlte Rente erneut zu versteuern als Einkommen. Und schliesslich sind Versicherungsgesellschaften nicht karitativ unterwegs: Sie wollen mit ihren Versicherungsprodukten Geld verdienen – auch das geht zulasten der Rendite.

 

Wenn nicht rentabel, so sind Leibrenten wenigstens komfortabel. Denn sie haben gegenüber dem Vermögensverzehr einen psychologischen Vorteil. Leute im Alter tun sich häufig schwer, ihre Ersparnisse aufzuzehren. Es tut ihnen weh, zuzusehen, wie das Vermögen dahinschmilzt. Zudem haben ältere Leute oft Existenzängste, auch wenn solche Ängste rational nicht zu begründen sind. Für solche Fälle haben Leibrenten ihr Gutes: Man bekommt Monat für Monat die Rente überwiesen und braucht sich nicht zu fragen, wie lange das Vermögen noch ausreicht und ob es auch gut angelegt sei. Frei nach dem Motto: Das Wohlbefinden ist wichtiger als die Rendite.

Darauf sollten Sie beim Kauf einer Leibrente achten:

 

→ Je älter man beim Bezug der ersten Rente ist, desto höher fällt diese aus. Kauft man die sofort beginnende Leibrente für 300000 Franken nicht schon mit 65, sondern erst mit 75 Jahren, so beträgt etwa bei Swiss Life die Jahresrente 20911 Franken – das sind 25 Prozent mehr als im Beispiel mit dem 65-Jährigen.

→ Leibrenten sind mit oder ohne Rückgewähr zu haben. Mit Rückgewähr heisst, dass beim Tod des Versicherten das noch nicht verbrauchte Kapital an die Erben ausgezahlt wird. Ohne Rückgewähr heisst: Das noch nicht verbrauchte Kapital bleibt bei der Versicherung. Dafür erhöht sich die Rente um bis zu 20 Prozent.

→ Leibrenten sind sofort beginnend oder aufgeschoben. Aufgeschoben heisst, dass die erste Rente in ferner Zukunft, zum Beispiel in fünf oder zehn Jahren, ausbezahlt wird. Die Prämie kann in diesem Fall einmalig oder in Raten bezahlt werden. Bei einer aufgeschobenen Leibrente sollte man aber sicher sein, dass man dereinst auch wirklich eine Leibrente beziehen möchte, denn ein Rückkauf ist mit hohen Verlusten verbunden.

 

Erschienen im BEOBACHTER am 3. Oktober 2008

Claude Chatelain