Ein Ja für Komplementärmedizin

FDP-Ständerat Rolf Büttiker macht sich für Komplementärmedizin stark.
FDP-Ständerat Rolf Büttiker macht sich für Komplementärmedizin stark.

Fünf komplementärmedizinische Leistungen finden Eingang in die Grundversicherung, sofern der Souverän im kommenden Jahr Ja dazu sagt. Ein Ersatz für die freiwillige Zusatzversicherung ist dies trotzdem nicht.

Es ist bekannt, dass das Schweizer Stimmvolk im kommenden Jahr über die Komplementärmedizin befinden muss. Unklar war bis gestern, ob dem Souverän eine Volksinitiative oder ein direkter Gegenvorschlag des Parlaments vorgelegt wird. Der Nationalrat hat sich nun gestern mit 95 Ja- zu 60-Nein-Stimmen für den direkten Gegenvorschlag vom Solothurner FDP-Ständerat Rolf Büttiker ausgesprochen, wie dies in der Wintersession vergangenen Jahres schon der Ständerat getan hatte.

 

Das Initiativkomitee hat gestern erneut bestätigt, dass die Volksinitiative nun zurückgezogen wird, «weil die Kernforderungen im Gegenvorschlag Büttiker unverändert übernommen wurden». Die Initiative verlangte folgenden Verfassungsartikel: «Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die umfassende Berücksichtigung der Komplementärmedizin.» Der Gegenvorschlag hat fast den gleichen Wortlaut, nur dass das Wörtchen «umfassende» gestrichen wird.

 

Laut Büttiker sollen folgende ärztliche Leistungen der Komplementärmedizin wieder von der Grundversicherung vergütet werden:

  • Anthroposophische Medizin
  • Homöopathie
  • Neuraltherapie
  • Pflanzenheilkunde
  • Traditionelle Chinesische Medizin (TCM).

Die Krankenkassen haben wenig Freude an dieser Entwicklung. Sie befürchten Prämieneinbussen, weil die Versicherten künftig auf die freiwillige Zusatzversicherung verzichten könnten.

 

Versicherung mit Makeln


Geschätzte 70 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben eine Zusatzversicherung für Komplementärmedizin abgeschlossen. Doch die fünf genannten Leistungen, die bei einem positiven Entscheid des Schweizer Stimmvolks in die obligatorische Grundversicherung aufgenommen werden dürften, machen nur ein Bruchteil der gesamten Leistungen aus. «Wir hatten 2007 total 59 Millionen Franken komplementärmedizinische Leistungen vergütet. Die fünf Methoden machten davon 2,8 Prozent aus», erklärt Helsana-Sprecher Thomas Lüthi. Bei den anderen Krankenversicherern dürfte es nicht anders sein. Wer also künftig Leistungen für Bioresonanztherapie, Kinesiologie, Osteopathie oder Shiatsu vergütet haben möchte, wird auf die freiwillige Zusatzversicherung auch in Zukunft kaum verzichten können.

 

Doch die sich auf dem Markt befindlichen Zusatzversicherungen für Komplementärmedizin vermögen kaum zu überzeugen. Die Krankenkassen können Aufnahmegesuche grundlos ablehnen, wie das bei den freiwilligen Zusatzversicherungen generell möglich ist. Patientinnen und Patienten haben keine Gewähr, sich umfassend gegen komplementärmedizinische Leistungen versichern zu können.

 

Zweitens sind die Leistungen der Krankenkassen auf ein paar wenige hundert oder tausend Franken pro Jahr beschränkt. Dabei muss der Versicherte erst noch einen überdurchschnittlich hohen Selbstbehalt in Kauf nehmen.

 

Drittens herrscht bei diesen Zusatzversicherungen ein Chaos. Die Leistungen sind von Kasse zu Kasse verschieden. Derweil die Visana 44 komplementäre Heilmethoden versichert, sind es bei der Helsana über 60.

 

Viertens besteht keine Garantie, dass die Leistungen eines bestimmten Therapeuten auch versichert sind. Der Komplementärtherapeut ist keine eidgenössisch anerkannte Berufsgattung. Auch hier sind die Kassen frei, wieweit sie die Leistungen vergüten.

 

Zumindest in diesem Bereich ist Hoffnung angesagt, sollte das Volk den Gegenvorschlag annehmen. Rolf Büttiker verlangt nämlich einheitliche eidgenössische Diplome und sagt: «Mit anerkannten Diplomen steigt die Qualität der Behandlungen, und die Patientensicherheit nimmt zu.»

 

Erschienen in der BZ am 18. September 2008

Claude Chatelain