Einen Teuerungsausgleich gibt es nicht

Rentner besuchen ihr ehemaliges Klassenzimmer im Muesmatt-Schulhaus in Bern. Darunter hat es womöglich auch ehemalige kantonale Angestellte.
Rentner besuchen ihr ehemaliges Klassenzimmer im Muesmatt-Schulhaus in Bern. Darunter hat es womöglich auch ehemalige kantonale Angestellte.

Seit sieben Jahren warten die Rentner der kantonalen Verwaltung auf einen Teuerungsausgleich: Der letzte datiert von 2002. Er betrug 0,6 Prozent. Seither herrscht Funkstille. Daran dürfte sich in naher Zukunft nichts ändern.

Alle Jahre an der Delegiertenversammlung der Bernischen Pensionskasse (BPK) meldet sich ein Vertreter der Rentnervereinigung zu Wort und ruft den Delegierten in Erinnerung, dass sie auch noch da sind. «Der Kaufkraftverlust bei den Renten beläuft sich seit 1992 auf 13,9 Prozent. Für diesen unhaltbaren Zustand war die Mehrheit der Verwaltungskommission verantwortlich», steht auf dem Flyer, der an der Delegiertenversammlung vom 24.Juni 2008 verteilt wurde.

 

Teuerung kann warten


Wenn nicht alles täuscht, dürften aber die 8700 Altersrentner, Witwer und Witwen noch lange auf einen Teuerungsausgleich warten. Die Verwaltungskommission der BPK stellt sich auf den Standpunkt, dass Rentnerinnen und Rentner erst dann in den Genuss eines Teuerungsausgleichs kommen, wenn der Deckungsgrad mindestens 116 Prozent beträgt. Per Ende 2007 lag der Deckungsgrad bei 104,7 Prozent, gegenüber 109 Prozent ein Jahr zuvor. Auf Grund der turbulenten Finanzmärkte sackte aber der Deckungsgrad bis Mitte 2008 auf 95,1 Prozent ab. «Wenn wir die Möglichkeit hätten, den Rentnern einen Teuerungsausgleich zu bezahlen, würden wir das gerne tun. Ich sehe aber diese Möglichkeit auf Grund der finanziellen Lage derzeit nicht», sagt Hans-Peter Wiedmer, stellvertretender Direktor der BPK.

 

Auch in den Jahren 2001 und 2002, als noch ein Teuerungsausgleich ausgerichtet wurde, betrug der Deckungsgrad keine 116 Prozent. Damals zeigte sich die Verwaltungskommission grosszügig – vielleicht zu grosszügig. Im schlimmsten Fall – bei einer Sanierung der Kasse – könnte den Rentnerinnen und Rentnern dieser Teuerungsausgleich wieder gestrichen werden. Laut Gesetz kann man Altersrenten der beruflichen Vorsorge zwar nicht kürzen. Doch den Teuerungsausgleich kann man wieder streichen.

 

Rentner sind besser gestellt


Immerhin darf man den Pensionären der kantonalen Verwaltung nicht unterstellen, ungerechtfertigt hohe Renten zu erhalten. Der Rentner, der heute in Pension geht, erhält dieselbe Rente wie all die Altersrentner, die bei gleichem Lohn und gleichen Beiträgen vor Jahren in Pension gingen. Das ist nicht selbstverständlich. Etwa die ehemaligen Bundesbeamten sind im Vergleich zu den aktiv Versicherten besser gestellt: Sie erhalten zum Teil Renten, die nicht voll finanziert waren. Das Gleiche gilt für ehemalige Angestellte der SBB. Die künftigen Rentner der Bundesverwaltung erhalten bei gleichem Lohn eine tiefere Rente als die heutigen Rentner – und haben insgesamt erst noch höhere Arbeitnehmerbeiträge abzuliefern.

 

Kapital reicht nicht


Auch bei Beitragsprimatkassen ist diese falsche Solidarität zu beobachten. Bei diesem Kassentyp ist die Rente nicht vom letzten Lohn, sondern vom individuellen Pensionskassenguthaben abhängig. Dieses wird mit einer Prozentzahl – dem Umwandlungssatz – in eine Rente umgewandelt. Jahrelang betrug dieser Satz 7,2 Prozent. Auf ein Kapital von 100000 Franken gab es eine Rente von 7200 Franken. Viele Kassen können mit dem vorhandenen Rentnerkapital diese Renten nicht zahlen, also nimmt man das Geld von den aktiv Versicherten. Höchste Zeit also, dass der Umwandlungssatz nach und nach gesenkt wird. Sobald eine Pensionskasse dank florierender Finanzerträge genügend Schwankungsreserven aufgebaut hat, wird sie die Überschüsse vorab den aktiv Versicherten gutschreiben, indem etwa das Pensionskassenguthaben über dem gesetzlichen Minimum verzinst wird. Schliesslich sind es auch die aktiv Versicherten, die sich mit einem tieferen Umwandlungssatz und in kargen Zeiten mit einer minimalen Verzinsung begnügen müssen. Und es sind die Aktivversicherten, welche bei einer Sanierung bluten müssen.

 

Kein Automatismus

 

«Rentner können immer weniger davon ausgehen, dass sie automatisch in den Genuss eines Teuerungsausgleichs kommen. Auch in der AHV wird dieser Automatismus relativiert», weiss der Berner Pensionskassenspezialist Werner C.Hug.

 

Und wie der Pensionskassen-Experte Martin Schnider von Abcon erklärt, gehen mehr und mehr Vorsorgeeinrichtungen dazu über, Rentnerinnen und Rentnern eine einmalige 13. oder 14. Rente auszuzahlen, sofern es die finanzielle Situation erlaubt. Dieses Vorgehen ist flexibler als ein Teuerungsausgleich. Denn mit einem Teuerungsausgleich schafft man sich für die Zukunft eine Auflage, die man nur in Notfällen – eben bei einer Sanierung – rückgängig machen kann.

 

 

 

IV-Rentner sind besser dran

Wie weit Altersrentner in den Genuss eines Teuerungsausgleichs kommen, steht im Reglement der jeweiligen Vorsorgeeinrichtung. Der Stiftungsrat oder – im Fall der Bernischen Pensionskasse (BPK) – die Verwaltungskommission entscheidet über die Höhe.

 

Anders die IV-Rentner: Bezüger einer Invalidenrente aus der beruflichen Vorsorge haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen Teuerungsausgleich. Die Anpassung hat erstmals nach drei Jahren zu erfolgen, danach in der

Regel alle zwei Jahre. Die Höhe der Anpassung wird vom Bundesrat vorgegeben, wobei nur die gesetzlichen Minimalleistungen der Teuerung anzupassen sind. Liegen die Renten einer Pensionskasse aber über den BVG-Minimalrenten, so müssen auch diese Renten nicht der Teuerung angepasst werden. Bei der BPK liegen die Invaliditätsleistungen deutlich über den BVG-Minimalleistungen. Entsprechend werden auch die IV-Renten nicht der Teuerung angepasst.

 

Erschienen in der BZ am 13. September 2008


Claude Chatelain