Ein Kampf an vielen Fronten

Die Apotheker möchten eine bessere Zusammenarbeit mit Ärzten. Daran haben Ärzte wenig Interesse. Sie wollen selber Medikamente verkaufen. Jetzt fordern die Apotheker eine Neubeurteilung der ärztlichen Selbstdispensation.

Der Apotheker kämpft an verschiedenen Fronten: Da ist der anhaltende Kostendruck, der die Margen in den vergangenen Jahren schmelzen liess. Da sind die Versandapotheken, die dank kostengünstigem Vertriebskonzept Marktanteile gewinnen. Und da sind natürlich die Ärzte, welche die Medikamente aus kommerziellen Gründen lieber selber verkaufen, soweit das in ihrem Kanton erlaubt ist.

 

Fünfjähriges Studium


«Infrastruktur und Kompetenz der Apotheken wird zu wenig genutzt», sagte Pharmasuisse-Präsident Dominique Jordan gestern vor den Medien am internationalen Pharmazeuten-Kongress in Basel. Gegen diese Aussage ist kaum etwas einzuwenden, wenn man bedenkt, dass der Apotheker ein fünfjähriges Pharmaziestudium zu absolvieren hat, und der Kunde häufig kaum je einen Apotheker, sondern vorab seine Gehilfinnen zu Gesicht bekommt.

 

Um das Image des «studierten Verkäufers» abzuschütteln, haben die Apotheker schon länger erkannt, dass es nicht mehr genügt, im weissen Kittel hinter der Theke zu warten, bis der Kunde mit dem Arztrezept vorbeischaut. Einige der 1700 Apotheken der Schweiz haben sich Gruppierungen angeschlossen, die gezielt ihre Stärken nach neusten Erkenntnissen des Marketings bekannt machen.

 

Monatliche Aktionen


Ein erfolgreiches Marketing betreiben etwa die 120 Amavita-Apotheken der Galenica-Gruppe. Sie setzen auf Service und Kompetenz und bieten unter anderem Herz-Checks an.

Sun Store verlangt keine Taxen und versucht mit ihren 70 Apotheken mit Tiefpreisangeboten zu trumpfen. Ähnlich Groupe Capitole, die vorab in der Westschweiz aktiv ist. Auch die rund 45 Rotpunkt-Apotheken machen monatliche Aktionen.

 

Fürs Impfen zur Apotheke


Im kommenden Jahr wird Pharmasuisse die Gesundheitskampagne dem Impfen widmen. Damit wird dem Kunden aufmerksam gemacht, dass nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker Impfungen durchführen.

 

Eine der Stärken des Apothekers ist zweifellos seine Beratungskompetenz. Jordan spricht in diesem Zusammenhang vom «Vier-Augen-Prinzip». Wenn also der Arzt ein Medikament verschreibt, müsste der Apotheker quasi überprüfen, wieweit das verschriebene Medikament auch tatsächlich zu empfehlen ist. «Keine Beratung ist unverantwortlich», so Jordan. So wünscht sich der Präsident des Branchenverbands eine bessere Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern. Nach Jordans Aussagen scheitert die Rollenverteilung, «weil für den Arzt finanzielle Anreize bestehen, selber Medikamente abzugeben». Der Branchenverband Pharmasuisse fordert daher «eine grundsätzliche Neubeurteilung der Bewilligung zur ärztlichen Selbstdispension».

 

Westschweiz als Vorbild


In Westschweizer Kantonen, wo die Ärzte keine Medikamente abgeben dürfen, scheint nämlich die Zusammenarbeit zwischen Apotheken und Ärzten zu funktionieren.

 

Mit einer Absage an die ärztliche Selbstdispensation würde die Schweiz einem internationalen Trend folgen. Ton Hoek, Generalsekretär des Apotheker-Weltverbands, nennt das Beispiel in Asien, wo die Ärzte heute kaum mehr selber Medikamente abgäben. Auch in europäischen Ländern sei die ärztliche Selbstdispensation laut Hoek eher die Ausnahme.

 

 

KOMMENTAR: Pillenverkäufer

Der Apothekerverband Pharmasuisse fordert eine Neubeurteilung der Bewilligung zur ärztlichen Selbstdispensation von Medikamenten. Dass diese Forderung von den Apothekern stammt, ist nahe liegend. Je mehr der Arzt selber Medikamente verkauft, desto weniger verdient der Apotheker. Pharmasuisse vertritt mit dieser Forderung ureigene Interessen.

 

Das heisst aber nicht, dass deshalb diese Forderung in den Wind geschlagen werden soll. Der Apothekerverband hat Recht, wenn er schreibt, durch die Selbstdispensation der Ärzte würden «finanzielle Fehlanreize» geschaffen.

 

Diese falschen Anreize sollten in der Tat aus dem Weg geräumt werden. Der Arzt soll nach Aufwand und Knowhow entschädigt werden – und nicht nach der Höhe seines Pillenumsatzes.

Man könnte sich also vorstellen, dass die Aufwandentschädigung des Arztes erhöht wird, er dafür an der Medikamentenabgabe nichts mehr verdient. Damit würden insgesamt weniger Pillen verschrieben. Schliesslich haben wir bei den Medikamenten nicht nur ein Preis-, sondern auch ein Mengenproblem. Der Arzt könnte dann dem Patienten bei Bedarf immer noch Pillen mitgeben, hätte aber kein kommerzielles Interesse mehr daran.

 

Ein solches Modell wäre im Interesse des Patienten. Was natürlich nicht heisst, dass es auch politisch eine Mehrheit findet. Die stärkste Lobby in Bundesbern ist bekanntlich nicht jene der Patienten.

 

Erschienen in der BZ am 4. September 2008


Claude Chatelain