Alternativmediziner sind gefragt, aber nicht anerkannt

Die Dienste von Alternativmedizinern und Komplementärtherapeuten erfreuen sich einer grossen Nachfrage. Allerdings sind sie eidgenössisch nicht anerkannt. Bundespräsident Pascal Couchepin stellt sich quer.

In der Schweiz gibt es 164 registrierte Berufe mit einer höheren Fachprüfung. Darunter findet man Berufe wie den Coiffeur, Fahrradmechanikermeister, Fotografen, Immobilientreuhänder oder Pflästerermeister. Doch den Komplementärtherapeuten und Alternativmediziner sucht man auf dieser Liste des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT) vergebens. Ausserdem können in sechs Kantonen – unter anderen Freiburg – Heilpraktiker ohne Bewilligung eine Praxis eröffnen.

 

16000 Therapeuten

 

Die Firma Eskamed in Basel führt mit dem Erfahrungsmedizinischen Register (EMR) ein Qualitätslabel für die Aus- und Fortbildung von Therapeuten der Komplementär- und Alternativmedizin. Im EMR sind um die 16000 Therapeuten registriert. Der Komplementärtherapeut wendet Einzelmethoden an wie zum Beispiel Shiatsu, Bioenergetik, Atemtherapie oder Kinesiologie. Die Alternativmedizin versteht sich indessen als natürliche Alternative zur westlichen Schulmedizin wie etwa Homöopathie, Pflanzenheilkunde oder die traditionelle chinesische Medizin.

 

Vor fünf Jahren nahm eine Koordinationskommission bestehend aus Mitgliedern der Berufsverbände, der Kantone, der Swissmedic, des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und des BBT die Arbeiten auf, um einheitliche Bildungsstandards zu setzen und die Voraussetzungen für die offizielle Anerkennung auf eidgenössischer Ebene zu schaffen.

 

FDP-Couchepin ist dagegen


Das schien Gesundheitsminister Pascal Couchepin nicht zu passen. Er liess die Arbeiten blockieren und erklärte, «das BAG steht dem Vorhaben zur Schaffung eidgenössischer Diplome kritisch gegenüber». Eine der Gründe lautete, der Bund sei nicht glaubwürdig, «wenn er einerseits mit der Begründung fehlender Evidenz komplementärmedizinische Methoden aus der Grundversicherung herausnimmt und andererseits komplementärmedizinische Berufe mit einer höheren Fachprüfung legitimiert».

 

Dies wiederum passte dem Schwyzer CVP-Nationalrat Reto Wehrli nicht. Er reichte im März vergangenen Jahres eine Motion ein, wonach die Vorschriften für eidgenössische höhere Fachprüfungen für nichtärztliche Therapeuten so rasch wie möglich vom BBT zusammen mit den Fachverbänden erarbeitet und vom BBT genehmigt werden müssen. Nicht überraschend empfiehlt der Bundesrat, die Motion abzulehnen, obschon das BBT die geforderten nationalen Diplome für nichtärztliche Therapeuten befürwortet. Der Bundesrat stellt sich auf den Standpunkt, die Reglementierung der nichtärztlichen Berufe der Komplementärtherapie und Alternativmedizin könne nicht losgelöst von der Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» und vom entsprechenden Abstimmungsergebnis beurteilt werden (siehe Kasten). Es sei ungewiss, wie und bis zu welchem Grad diese Berufe ins Gesundheitssystem integriert werden sollten. Daher sollte man die Arbeiten zur Reglementierung vorerst ruhen lassen.

 

FDP-Büttiker ist dafür


«Eine fadenscheinige Begründung», hält der Solothurner FDP-Ständerat Rolf Büttiker fest. Denn Bundespräsident Pascal Couchepin kämpft an mehreren Fronten gegen die komplementärmedizinischen Therapeuten. Dazu ein Beispiel: Der Urner CVP-Ständerat Hansruedi Stadler forderte in einer Motion, nichtärztliche Therapeuten zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten einzubeziehen. Auch hier stellte sich der Bundesrat quer, unter anderem weil «einschlägige fachliche Qualifikationen nicht bekannt oder gesichert sind».

Auf der einen Seite blockiert der Bundesrat also die Bestrebungen, für Alternativmediziner Bildungsstandards zu definieren und fachliche Qualifikationen zu sichern. Auf der anderen Seite bemängelt er das Fehlen eben dieser Qualifikationen.

 

 

Initiative schafft Klarheit zum Begriff der Naturärzte

Vor drei Jahren wurde die Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» eingereicht. Nun debattieren die Räte darüber, ob sie einen Gegenvorschlag lancieren wollen, der die Initianten dazu motivieren könnte, die Initiative zurückzuziehen. Im kommenden Jahr wird der Schweizer Souverän über die Volksinitiative oder den Gegenvorschlag befinden und sich

entscheiden, ob alternativmedizinische Heilmethoden durch die obligatorische Grundversicherung gedeckt werden sollen. Nach heutiger Einschätzung werden die Schweizer Stimmberechtigten die Komplementärmedizin grundsätzlich bejahen, obschon die entsprechenden Naturärzte eidgenössisch noch gar nicht anerkannt sind.



KOMMENTAR

Man darf unterschiedlicher Meinung darüber sein, wie weit alternativmedizinische Leistungen wie etwa Homöopathie oder Phytotherapie durch die obligatorische Grundversicherung gedeckt werden müssen. Man darf aber kaum behaupten, die Leistungen der Alternativmediziner und Komplementärtherapeuten würden nicht auf ein Bedürfnis stossen. Dies allein rechtfertigt das Ansinnen, diese beiden Berufe auf eidgenössischer Ebene mit Qualitätsstandards und einer eidgenössischen höheren Fachprüfung zu versehen, wie das bei anderen Berufen wie beim Siebdruckermeister oder Public-Relations-Berater auch der Fall ist. Dies umso mehr, als gerade im Bereich der Heilkunde durchaus auch Scharlatane ihr Unwesen treiben. Solches Tun müsste unterbunden werden. Dazu sind eidgenössisch anerkannte Diplome auch da.

 

Wenn nun Pascal Couchepin diese Bemühungen torpediert, wirft das ein bezeichnendes Licht auf die Gesinnung des Gesundheitsministers. Man darf ihm zwar nicht unterstellen, dass er die Heilkraft der Alternativmedizin in Zweifel zieht. Man muss ihm aber unterstellen, dass er am Gängelband der Schulmedizin und Pharmaindustrie marschiert. Alternativmediziner und Komplementärtherapeuten sind eine unliebsame Konkurrenz für diese finanzstarken Wirtschaftszweige. Mit seiner Obstruktionsstrategie verteidigt Couchepin politische Interessen. Das Bedürfnis der Bevölkerung scheint ihm zumindest in diesem Fall zweitrangig zu sein.

 

Erschienen in der BZ am 25. August 2008

Claude Chatelain