18000 Franken Kaution an Ghadhafi

Muammar Ghadhafi, Vater des streitsüchtigen Hannibal.
Muammar Ghadhafi, Vater des streitsüchtigen Hannibal.

Für die bedingte Freilassung der beiden inhaftierten Schweizer in Libyen wurde eine Kaution von je 9000 Franken bezahlt. Ob Libyens Machthaber Ghadhafi andere Versprechen abgegeben wurden, ist nicht bekannt.

Das Trauerspiel ist noch in bester Erinnerung: Über acht Jahre mussten fünf bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt schuldlos in einem libyschen Kerker verbringen, ehe sie endlich in ihre Heimat zurückkehren durften. Doch eine Freilassung gibt es beim Libyschen Machthaber Muammar Ghadhafi nicht gratis. Er liess sich seine «Begnadigung» vergolden, wie erst später bekannt wurde. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der sich für die Freilassung eingesetzt hatte, versprach dem Libyschen Despoten, ein Spital zu sanieren, eine Autobahn zu bauen und einen Atomreaktor zu verkaufen. Zudem sollen 400 Millionen Dollar für die Angehörigen der mit Aids infizierten Kinder geflossen sein. Und schliesslich wurde der unberechenbare Revolutionsführer in Paris mit allen Ehren empfangen.

 

18000 Franken Trinkgeld

 

Im Vergleich dazu ist die Kaution von je 9000 Franken für die beiden inhaftierten Schweizer ein Trinkgeld. Bezahlt wurden sie von den Unternehmen, welche die beiden Schweizer beschäftigen, darunter ABB. Experten zweifeln jedoch, dass sich der in seiner Eitelkeit verletzte Diktator mit dieser Geste besänftigen liess. Wie weit die Schweiz weitere Zugeständnisse machte, ist aber unbekannt. Ebenso unklar ist, wieweit andere Staaten, welche Vermittlerdienste angeboten hatten, bei den Verhandlungen zwischen libyschen und Schweizer Diplomaten mitwirkten.

 

Die beiden Schweizer sind am Dienstagabend freigelassen worden – allerdings nur bedingt. Sie müssen vorderhand in Libyen bleiben. Angeblich dürfen sie sich innerhalb des Landes frei bewegen. Sie sind in der Obhut der Schweizer Botschaft in Tripolis.

 

Offiziell wird den beiden Schweizern vorgeworfen, gegen das Einreise- und Ausländergesetz verstossen zu haben. Inoffiziell ist es eine Retorsionsmassnahme, weil sich die Schweiz «erdreiste», das Gesetz anzuwenden und einen Sohn Ghadhafis zu verhaften. Motassim Bilal Ghadhafi, genannt Hannibal, und seine hochschwangere Ehefrau sind in Genf wegen einfacher Körperverletzung, Drohung sowie Nötigung zweier Hausangestellten angeklagt worden. Sie waren in einem Fünfsternehotel festgenommen und nach zwei Nächten in Polizeihaft gegen Kaution von 500000 Franken freigelassen worden.

 

Sippenhaft libyscher Art

 

Neben den beiden Schweizern wurde übrigens auch die Mutter des marokkanischen Bediensteten, der Hannibal Ghadhafi angezeigt hatte, in ein libysches Gefängnis gesteckt. Über das Schicksal der Mutter ist nichts bekannt.

 

Der Genfer Untersuchungsrichter Michel-Alexandre Graber begründet seinen Entscheid, den Sohn des libyschen Herrschers verhaftet zu haben. «Ich bereue es nie, das Gesetz angewandt zu haben», erklärte er in einem Interview mit der Westschweizer Zeitschrift «Illustré». Die Anhörungen und Ermittlungen hätten genügend Elemente zur Begründung der Anklage geliefert, sagte der Untersuchungsrichter. Die Genfer Polizei habe zudem bei der Eidgenossenschaft die Frage einer möglichen diplomatischen Immunität des Despotensprösslings abklären lassen. Die Untersuchungshaft von 48 Stunden hält der Richter für gerechtfertigt. Sogar für zu schnelles Fahren würden manchmal 48 Stunden Untersuchungshaft angeordnet.

 

Jean-Philippe Jeannerat, Informationschef des Eidgenössischen Departements des Äusseren (EDA), erklärte gestern an einer Medienorientierung, ein libyscher Öltanker habe Kurs auf Genua genommen. Das Öl sei offenbar für die Schweiz bestimmt.

 

Boykottaufrufe

 

Derweil mehren sich in den Leserbriefspalten die Boykott-Aufrufe, da ja die Tamoil-Tankstellen den Libyern gehören. Stellvertretend für andere sei der Leserbrief vom ehemaligen CS-Manager Roger E. Schärer aus Herrliberg zitiert (Ausgabe vom Dienstag): «Schweizerinnen und Schweizer, kauft keinen einzigen Tropfen Benzin mehr von den Tamoil-Tankstellen und boykottiert die Tanksäulen in Zukunft mit aller möglichen Konsequenz».

 

 

"Mit Kleiderbügel geschlagen"

Schweres Geschütz fuhr gestern in der «Rundschau» die tunesische Hausangestellte gegen den Ghadhafi-Clan auf: Als die Genfer Polizei am 15.Juli Hannibal Ghadhafi und seine Frau festnahm, stiessen sie auch auf die völlig verstörten Hausangestellten, eine Tunesierin und einen Marokkaner. In der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens erzählte gestern Abend die Tunesierin von ihrem Martyrium.

 

Die Angestellte wurde offenbar seit Beginn ihrer Anstellung schlecht behandelt. «Ich merkte sofort, dass die beiden nicht normal sind», erzählt sie. Sie sei zu den Ghadhafis gekommen, um zu arbeiten. «Aber sie haben mir meinen Reisepass und mein Mobiltelefon abgenommen und mich während einer Woche in einem Zimmer eingesperrt. Ich wurde wie eine Gefangene behandelt. Ich fühlte mich schlecht, mir ging es nicht gut, und ich wurde krank.»

 

Tagesordnung Gewalt

 

Die Frau war zum Zeitpunkt der Festnahme erst einen Monat beim Sohn des libyschen Staatschefs und seiner hochschwangeren Ehefrau angestellt. Gewalt und Demütigungen gehörten für sie offenbar auch in Genf zur Tagesordnung. Wieder sei sie wie eine Gefangene behandelt worden, erzählt die Frau: «Ich musste 24 Stunden pro Tag arbeiten. Ich hatte nicht eine Minute, um mich zu erholen.»

«Sie hat mich geschlagen»

 

Was die Tunesierin weiter erzählte, gibt einen erschreckenden Einblick in die permanente Gewalt, der die Angestellte offenbar ausgesetzt war: «Frau Ghadhafi hat mich geschlagen. Sie hat mich an den Haaren gezogen, mit heissem Wasser übergossen und mich in die Brust gekniffen.»

 

Sie sei auch mit Gegenständen misshandelt worden, erzählt die Tunesierin weiter. «Frau Ghadhafi hat mich mit einem Kleiderbügel aus Holz geschlagen. Das tut sehr weh. Man kann doch nicht einfach jemanden mit einem Kleiderbügel schlagen!»

 

Von einem «miesen Szenario» der beiden Angestellten spricht dagegen Aisha Ghadhafi, Tochter des libyschen Staatspräsidenten und Juristin. «Sie haben diese hinterlistige Strategie nur angewendet, um in der Schweiz Asyl beantragen zu können», sagt sie in der «Rundschau».

 

Jetzt will die Tunesierin für ihr Recht kämpfen. «Ich will, dass die beiden bezahlen müssen für das, was sie mir angetan haben. Ich werde aussagen. Ich habe keine Angst, die Wahrheit zu erzählen.»

 

Erschienen in der BZ am 31. Juli 2008


Claude Chatelain