«Heute muss alles sehr schnell gehen»

Markus Gamper: "Wir erhalten pro Woche zwei bis drei Meldungen von möglichem Rentenmissbrauch."
Markus Gamper: "Wir erhalten pro Woche zwei bis drei Meldungen von möglichem Rentenmissbrauch."

Das revidierte IV-Gesetz ist seit Anfang Jahr in Kraft. Was hat sich für den Praktiker geändert? Laut Markus Gamper von der IV-Stelle Bern melden sich heute vermehrt Leute an, die ihre Arbeitsstelle noch haben.

Was hat sich in Ihrer täglichen Arbeit geändert, seit das überarbeitete IV-Gesetz in Kraft ist?

Markus Gamper: Die intensivierte Zusammenarbeit unter den Fachleuten, der rasche persönliche Kontakt mit den Versicherten, der Einsatz der neuen Möglichkeiten. Heute muss alles sehr schnell gehen. Wir müssen bei Unsicherheiten entscheiden, um die Wirkungsziele erreichen zu können.

 

Wirkungsziele?

Eine höhere Eingliederungsquote zu tieferen Kosten. Rascheres Verfahren und dadurch eine tiefere Rentenquote. Diese Ziele galten schon früher, aber sie wurden nicht gemessen.

 

Sagten Sie eben, Sie müssten bei Unsicherheiten entscheiden?

Früher führten wir genaue Abklärungen durch, ehe wir Eingliederungsmassnahmen einleiteten. Heute führen wir die Abklärungen parallel zur Eingliederung durch. Das führt zu Unsicherheiten, wenn etwa die medizinischen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind.

 

Ein Wettlauf gegen die Zeit?

Richtig. Wir müssen sofort handeln. Heute melden sich vermehrt Leute an, die ihre Arbeitsstelle noch haben. Da müssen wir alles unternehmen, damit diese Leute den Arbeitsplatz wenn immer möglich behalten können. Wir sind mit den diversen Taggeld-, Unfall-, und BVG-Versicherern Vereinbarungen eingegangen, damit uns potenzielle IV-Fälle so früh als möglich gemeldet werden.

 

Setzt die IV-Stelle Bern auch Detektive ein?

Ja, das ist neu gesetzliche Pflicht. Über das Konzept verraten wir nichts. Das würde den Erfolg beeinträchtigen.

 

Und wie halten Sie es mit den Denunzianten? Gehen Sie all den gemeldeten Fällen nach?

Wir erhalten pro Woche zwei bis drei Meldungen von möglichem Rentenmissbrauch. Selbstverständlich müssen wir solche Fälle überprüfen. In den allermeisten Fällen erweisen sich die Vermutungen als unbegründet. 

"Mit der Missbrauchsbekämpfung und einer besseren Eingliederung wird man das Loch nie und nimmer stopfen können", sagt IV-Chef Markus Gamper.
"Mit der Missbrauchsbekämpfung und einer besseren Eingliederung wird man das Loch nie und nimmer stopfen können", sagt IV-Chef Markus Gamper.

Erhalten Sie auch von Arbeitgebern Meldungen über drohende IV-Fälle?

Das kommt vor, aber noch nicht in grossem Ausmass. Die meisten Meldungen kommen von den Versicherten selber.

 

Wie nehmen Sie die Balkanisierung der IV wahr? Billige Polemik oder verdrängte Tatsache?

Wir haben keine Statistik nach Ländern. Solche Zahlen würden uns als Durchführungsstelle auch nicht helfen. Wir müssen den Einzelfall prüfen. Wir dürfen nicht von einer Verallgemeinerung auf den Einzelfall schliessen.

 

Wie viele Leute hat die IV-Stelle des Kantons Bern eingestellt, um diese neue Ausrichtung durchzuziehen?

In den vergangenen drei Jahren waren es 40 Personen, namentlich Eingliederungsspezialisten und Sachbearbeiter…

 

…und Detektive…

Kein Kommentar.

 

Gemäss einer Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen hängt der Erfolg der Integration stark vom Arbeitsvermittler der IV-Stelle ab. Einverstanden?

Ja. Als erster Kanton in der Schweiz hatten wir vor sechs Jahren ein Stellenvermittlungsbüro eröffnet und damit recht grosse Erfolge verbucht. Es ist übrigens falsch, zu glauben, dass die Eingliederung bisher nicht stattgefunden hat. Es geht jetzt nur noch darum, die Eingliederungsquote um einige zusätzliche Prozente zu erhöhen, was mit einem hohen Aufwand verbunden ist.

 

Lohnt sich denn dieser hohe Aufwand überhaupt?

Die Kosten für die Verwaltung der IV-Stelle Bern belaufen sich auf rund 25 Millionen Franken pro Jahr. Das entspricht etwa der Grössenordnung von 50 IV-Renten. Sie sehen, mit jeder IV-Rente, die wir dank einer erfolgreichen Eingliederung verhindern, sparen wir sehr viel Geld.

 

Man hört etwa, die IV habe die Schraube angezogen. Stimmt das?

Im Kanton Bern stimmt das nicht. Wir haben keinen Auftrag zur Härte. Die Politik haben wir nicht geändert. Geändert haben wir nur den Prozess, die Mittel und die Prioritäten.

 

Einmal IV-Rente; immer IV-Rente?

Falsch. Pro Jahr werden im Kanton Bern um die 6000 Revisionen bestehender IV-Rentner durchgeführt.

 

Die SVP wehrt sich gegen eine Mehrwertsteuererhöhung zur Sanierung der IV. Kann die IV ohne zusätzliche Mittel saniert werden?

Das ist völlig ausgeschlossen. Mit der Missbrauchsbekämpfung und einer besseren Eingliederung wird man das Loch nie und nimmer stopfen können.

 

Nun haben sich die Räte auf eine befristete Mehrwertsteuererhöhung geeinigt. Ist das realistisch?

Nein. Obschon wir den Rentnerbestand stabilisieren konnten, hat die Invalidenversicherung im vergangenen Jahr ein Defizit von 1,6 Milliarden Franken erzielt. Die IV ist unterfinanziert.

 

 

ZUR PERSON

Markus Gamper (61), aufgewachsen in Bern, leitet seit 1994 die IV-Stelle des Kantons Bern. Vorher war er als Sekretär der eidgenössischen IV-Kommission tätig. Die IV-Stelle Bern beschäftigt 300 Mitarbeitende und hat jährlich

rund 8000 neue IV-Anmeldungen zu bearbeiten. Im Kanton Bern beziehen 28000 Personen eine IV-Rente.

 

Erschienen in der BZ am 14. Juli 2008


Claude Chatelain