Mixflation: Wenn der Franken weich wird

Jahrelang war die Inflation kein Thema. Nun ist sie zurück: In der Eurozone hat sie im Juni mit vier Prozent einen neuen Rekord seit dem Start der Währungsunion 1999 erreicht. In der Schweiz ist die Teuerung weniger ausgeprägt. Doch wurde mit einer Rate von 2,9 Prozent im Mai und Juni der höchste Wert seit 15 Jahren erzielt.

Was tun, wenn das Leben teurer wird? Eine gängige Empfehlung bei drohender Inflation entspricht dem alten Sprichwort «Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen». Konkret: Kaufe ein Produkt lieber heute als morgen – denn es könnte teurer werden.

Bruno Parnisari vom Seco
Bruno Parnisari vom Seco

Allerdings ist die derzeitige Inflation untypisch. «Ökonomen sprechen von einer Inflation, wenn die Preise auf breiter Front steigen», sagt Bruno Parnisari, Ressortleiter Konjunktur im Staatssekretariat für Wirtschaft. Das ist derzeit nicht der Fall. «Gewisse Preise, etwa für Unterhaltungselektronik, sind eher im Sinken begriffen.» In der Tat: Die Preise für Produkte im Einflussbereich des Ölpreises wie Heizöl und Benzin steigen überproportional an; daher werden das Wohnen und der Verkehr teurer. Bei den anderen Produkten, etwa in den Bereichen Nachrichtenübermittlung, Freizeit, Kultur, Gesundheitspflege und Hausrat, nehmen die Preise nur moderat zu oder sogar ab. Die Ökonomen der Credit Suisse nennen dieses neuartige Phänomen Mixflation – ein Mix von Inflation und Deflation.

 

Bei steigenden Preisen steigen normalerweise auch die Hypothekarzinsen. Doch Lorenz Heim vom VZ Hypothekenzentrum beschwichtigt: «Die grösseren Zinssteigerungen haben wir hinter uns.» Tatsächlich sind die Zinsen derzeit eineinhalb bis zwei Prozentpunkte höher als 2005. Heim rechnet nur noch mit geringen Zinssteigerungen, ehe die Kurve wieder nach unten zeigt.

 

Auf eine konkrete Empfehlung heruntergebrochen heisst das: nur kurzfristige Festhypotheken abschliessen. «Fünfjährige Festhypotheken kosten heute 4,5 Prozent. Das ist relativ hoch», erklärt Lorenz Heim. Keine Alternative sind variable Hypotheken: Hier sieht der Hypothekenspezialist bald höhere Sätze. Dies aber weniger aus finanzwirtschaftlichen als aus politischen Gründen: Wenn ab Herbst die Mieten nicht mehr an den Hypozins gekoppelt sind, dürften laut Heim die variablen Zinssätze deutlich ansteigen.

 

Die Teuerung frisst Zinserträge weg

 

Die grössten Verlierer bei einer Inflation sind die Sparer. Denn die Zinsen, die sie für ihr Erspartes erhalten, hinken der Preisentwicklung hinterher. Auf dem Sparkonto der Migros-Bank gibt es gerade mal 1,125 Prozent Zins, der durch die Teuerung mehr als weggefressen wird. Selbst der Zins für dreijährige Kassenobligationen liegt mit 3,25 Prozent nur leicht über der Preissteigerung. Was tun? Versierte Anleger werden jetzt Aktien kaufen, zumal die Kurse getaucht sind. Oder man hofft auf eine Stabilisierung der Preise. Zumindest nach Einschätzung der Nationalbank dürfte dies schon bald eintreffen.

 

Wenngleich Inflation generell etwas Schlechtes ist, so gibt es dennoch Gewinner: Ist der Franken von morgen weniger wert als jener von heute, so ist auch die Schuld von morgen – relativ gesehen – weniger hoch. So gilt zum Beispiel für Eigenheimbesitzer: Steigt das Preisniveau, so steigt auch der Wert des Hauses, während die durch Inflation «entwertete» Hypothekarschuld weniger schwer lastet. Allerdings ist diese Betrachtung vorab theoretischer Natur. Denn wenn der Wert des Hauses steigt, hat man frühestens beim Verkauf etwas davon.

 

Erschienen im BEOBACHTER am 11. Juli 2008

Claude Chatelain