Zwei Altersrenten im Vergleich

Die Versicherungslobby lässt nichts unversucht, den Umwandlungssatz für Pensionskassen zu senken. Denn je weniger attraktiv die Pensionskassenrente, desto eher wird die Leibrente der Versicherer zu einer Alternative. Bislang sind Leibrenten meist weniger interessant.

Die Rente einer privaten Lebensversicherung, die sogenannte Leibrente, ist bloss zu 40 Prozent als Einkommen zu versteuern. Die Rente der Pensionskasse hingegen muss zu 100 Prozent versteuert werden. Für manchen ein stechendes Argument, um sich das Pensionsguthaben auszahlen zu lassen und eine Leibrente zu kaufen. Lohnt sich diese Übung? In den allermeisten Fällen nicht – oder noch nicht. Um es genau zu wissen, müssen drei Zahlen in Erfahrung gebracht werden: der Umwandlungssatz, die Kapitalauszahlungssteuer und der Grenzsteuersatz.

 

Kapitalauszahlungssteuer


Angenommen, das Pensionskassenguthaben beträgt 300000 Franken. Bei einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent resultiert eine jährliche Rente von 20400 Franken, welche – wie gesagt – zu 100 Prozent als Einkommen zu versteuern ist. Möchte man nun mit diesen 300000 Franken eine Rentenversicherung abschliessen, muss vorerst das Kapital ausbezahlt und versteuert werden. Denn auf dem ausbezahlten Betrag ist eine einmalige Kapitalauszahlungssteuer geschuldet. Sie wird unabhängig vom übrigen Einkommen berechnet, ist progressiv ausgestaltet und variiert von Gemeinde zu Gemeinde. Bei einem Kapital von 300000 Franken beträgt die Kapitalauszahlungssteuer in der Stadt Bern für einen reformierten, verheirateten Mann 24543 Franken; in Thun 25432 und in Solothurn 22639 Franken. Je höher diese Steuer, desto weniger bleibt für den Kauf der Rentenversicherung.

 

Kauft also der Stadtberner mit den verbleibenden 275457 Franken (300000 minus 24543) eine Rentenversicherung, kann er beim Marktführer Swiss Life mit einer garantierten Rente von 12962 Franken rechnen. Rechnet man die nicht garantierten Überschüsse hinzu, erhöht sich die Rente im besten Fall auf 14926 Franken. Hingegen beträgt bei der Pensionskasse die Rente – wie gesagt – 20400 Franken. Das sind 60 Prozent mehr als bei der Leibrente.

 

Der Grenzsteuersatz


Nun ist noch die unterschiedliche Besteuerung zu beachten. Hier ist der Grenzsteuersatz die zentrale Kennziffer. Bei einem Grenzsteuersatz von 25 Prozent verbleiben bei der Pensionskassenrente nach Steuern noch 15300 Franken. Das ist immer noch mehr, als man von der Versicherung für die Leibrente erhielte – und erst noch vor Steuern. Da nützt die steuerliche Begünstigung auch nicht mehr viel.

 

Bei einem Grenzsteuersatz von hohen 35 Prozent sieht die Rechnung anders aus: Da verbleiben von der Pensionskassenrente nach Bezahlung der Steuern noch 13260 und bei der Leibrente nur noch 12836 Franken. Die Differenz ist kleiner geworden, wobei aber bei der Leibrente die nicht garantierten Überschüsse mit einberechnet sind. Je höher der Grenzsteuersatz, desto stärker fällt die steuerliche Begünstigung von Leibrenten ins Gewicht; desto geringer also die Differenz beider Renten nach Steuern.

 

Beim vorliegenden Beispiel lohnt es sich nicht, mit dem Pensionskassenkapital eine Rentenversicherung abzuschliessen. Hingegen könnte sich bei einem tieferen Umwandlungssatz, einer tieferen Kapitalauszahlungssteuer und einem höheren Grenzsteuersatz die Leibrente unter Umständen lohnen. Nach Vorstellung des Bundesrats soll der Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge auf 6,4 Prozent gesenkt werden. Damit würde die Leibrente im Vergleich interessanter. Kein Wunder, dass die Versicherungslobby dafür plädiert, den Umwandlungssatz sogar auf 6 Prozent zu drücken.

 

INFOTHEK

Grenzsteuersatz: Bei einer progressiven Steueranlage steigt der Grenzsteuersatz mit zunehmendem Einkommen. Ein Steuersatz von 25 Prozent besagt, dass für jeden zusätzlich verdienten Franken 25 Rappen an Steuern abgeliefert werden müssen.

 

Leibrentenversicherung: Man zahlt der Versicherung eine Prämie – entweder periodisch oder einmalig – und erhält dafür eine lebenslängliche Rente. Es gibt die unterschiedlichsten Typen: mit oder ohne

Rückgewähr, aufgeschoben oder sofort beginnend. Man kann die Versicherung auch auf zwei Leben abschliessen: Stirbt der eine Partner, läuft die Versicherung normal weiter.

 

Überschussanteile: Zusätzlich zur garantierten Leibrente werden je nach Finanzerträgen und Risikoverlauf Überschüsse ausbezahlt. Sie werden bei Vertragsabschluss in Aussicht gestellt, sind aber nicht garantiert.

 

Erschienen in der BZ am 1. Juli 2008


Claude Chatelain