Zinsen sind ab Herbst frei von politischen Fesseln

Der Hypozinsanstieg dürfte sich noch fortsetzen: Wenn im Herbst den variablen Hypotheken die politischen Fesseln abgelegt werden, können die Kantonalbanken die Hyposätze eher wieder den Marktbedingungen anpassen.

Der Zinssatz für variable Hypotheken beträgt derzeit 3,25 bis 3,5 Prozent. «Viel zu tief», findet Adrian Wenger vom VZ-Vermögenszentrum. «Gemessen an den Zinssätzen am Geld- und Kapitalmarkt, müssten variable Hypotheken heute über 4 Prozent kosten.»

Die Rendite der zehnjährigen Bundesobligation ist von 3,05 Prozent Ende 2007 auf 3,4 Prozent angestiegen. Nach Angaben von Adrian Wenger sollte der Zins der variablen Hypothek rund 75 Prozentpunkte darüber liegen.

 

Künstlich tiefer Zinssatz


Dass die variablen Hypozinsen in den vergangenen Jahren unter dem generellen Zinsniveau lagen, ist bekannt. Ebenso bekannt ist die Begründung: Der variable Zinssatz ist ein politischer Zins. Seine Höhe dient der Berechnung der Mietpreise. Wann immer eine Kantonalbank den variablen Zins erhöhte, erschallte ein Protestschrei durchs Land. Fürs Image der Bank ist des nicht förderlich, weshalb die Kantonalbanken mit Zinserhöhungen behutsam vorgehen.

 

Ohne politischen Druck


Ab Herbst ist alles anders: Am 9.September wird das Bundesamt für Wohnungswesen erstmals den neuen, von der Nationalbank berechneten durchschnittlichen Referenzzins veröffentlichen. Ab diesem Datum wird dann nicht mehr der variable Zins der jeweiligen Kantonalbank, sondern ebendieser Referenzzins für die Mietzinsberechnung massgebend sein. «Die Kantonalbanken können dann ohne politischen Druck die Zinssätze für variable Hypotheken den aktuellen Verhältnissen am Geld- und Kapitalmarkt anpassen», sagt Adrian Wenger. Einige Institute, etwa die Zürcher Kantonalbank (ZKB), haben das schon angekündigt.

 

Matthias Hunn, Marketingleiter der Migros Bank, ist sich dessen nicht so sicher. «Wir richten uns beim variablen Hypozins schon heute ausschliesslich nach dem Markt.» Politische Überlegungen spielten dagegen keine Rolle. «Deshalb überraschen uns solche Ankündigungen von politisch motivierten Zinserhöhungen», erklärt Hunn, «bei der Migros Bank sehen wir keinen Einfluss der neuen Regelung auf die Festlegung des variablen Hypozinses.»

 

Aussage gegen Aussage. Tatsache ist, dass sich die Zinssätze für Festhypotheken an Leitzinsen orientieren – nämlich am Swap-Satz der entsprechenden Laufzeit. Wogegen der Zins für variable Hypotheken vom Markt bestimmt wird, in dem sich die Banken gegenseitig unterbieten. Offen ist nun, ob Banken mit traditionell günstigeren Bedingungen nachziehen, falls die grossen Hypothekarbanken wie die ZKB ihre Zinssätze anheben.

 

Falls die Hypozinsen auf dem heutigen Niveau verharrten, blieben die Sparer die Leidtragenden. Die Banken können nämlich nur deshalb so günstige Hypotheken anbieten, weil sie auch die Sparguthaben unterdurchschnittlich verzinsen. «Der Sparer subventioniert den Hausbesitzer», bestätigt ein Banker, der das öffentlich so nicht sagen darf.

 

Sollten sich die variablen Hypozinsen der Geld- und Kapitalmarktentwicklung anpassen, wie es das VZ vorhersagt, müssten eigentlich auch die Sparzinsen anziehen. Es sei denn, die Banken profitierten davon, dass sich der Kunde nicht wehre. Wie man weiss, verfügen die Sparer über keine vergleichbare Lobby wie die Mieter und Hausbesitzer.

 

 

3,25 oder 3,5 Prozent

Die neue Mietrechtsverordnung ist am 1.Januar 2008 in Kraft getreten. Danach gilt für Mietzinsanpassungen ein Referenzzinssatz. Dieser wird erstmals am 9.September 2008 bekannt gegeben. Die Banken melden ihren gesamten Hypothekenbestand per Ende Juni der Nationalbank. Auf Grund all dieser Daten wird dann ein durchschnittlicher Referenzzinssatz

erhoben und in Viertelprozenten publiziert. «Wir gehen davon aus, dass der Referenzzins 3,25 oder 3,5 Prozent betragen wird», sagt Christoph Enzler vom Bundesamt für Wohnungswesen auf Anfrage.

 

Erschienen in der BZ am 16. Juni 2008


Claude Chatelain