Es ist nicht alles grün, was glänzt

Nur wenige Pensionskassen investieren in nachhaltige Anlagen. Einer der Gründe des mangelnden Interesses liegt im Begriff der Nachhaltigkeit. Nicht alles, was als nachhaltig daherkommt, scheint wirklich grün zu sein.

23.März 1989: Die «Exxon Valdez» läuft vor Alaska im Prince-William-Sund auf Grund, lässt 40 Millionen Liter Öl ins Meer fliessen, verschmutzt die Küste auf einer Länge von über 2000 Kilometern und tötet 250000 Seevögel und Meerestiere. Verantwortlich für diese Umweltkatastrophe ist die Ölfirma Exxon Mobil. Und doch investiert die auf nachhaltige Anlagen spezialisierte SAM Asset Management im grossen Stil in dieses Unternehmen mit dem Image einer Dreckschleuder.

 

Zuerst waren die Ökofonds, dann kamen die Ethikfonds, und heute spricht man generell von Nachhaltigkeitsfonds. Nachhaltig investieren heisst, man kaufe Wertschriften von Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen langfristig einen ökonomischen, ökologischen und sozialen Nutzen bringen. Da stellt sich unweigerlich die Frage, wieweit ein Umweltsünder der Marke Exxon Mobil einen ökologischen Nutzen bringen soll. Das Gleiche darf man sich bei einem Autohersteller wie Mitsubishi fragen, welcher beim Raiffeisen-Ethikaktienfonds eine der grössten Positionen stellt. Auch ABB ist in den Nachhaltigkeitsfonds wiederholt zu finden, obschon der Technologiekonzern mit Staudammprojekten mitunter eine zweifelhafte Rolle spielt.

 

Pensionskassen nicht dabei


Dieser vermeintliche Widerspruch dürfte mit ein Grund sein, weshalb die Pensionskassen in der Schweiz an nachhaltigen Anlagen wenig Interesse zeigen. «Nachhaltiges Anlegen ist bei einer Mehrzahl der Schweizer Pensionskassen noch kein Thema», stellte Swisscanto-CEO Gérard Fischer bei der Präsentation der Pensionskassenumfrage fest (Ausgabe vom Freitag). Er bedauert dies, zumal einschlägige Studien bestätigen, dass Anlagen mit einem nachhaltigen Ansatz keine schlechtere, manchmal sogar eine bessere Rendite erzielen als herkömmliche Investments.

 

Unklare Richtlinien


Doch Fachleute sind sich keineswegs einig, welche Anlagen das Prädikat «Nachhaltigkeit» verdienen. So findet man Aktienfonds mit den unterschiedlichsten Anlagerichtlinien, die aber alle mit dem Gütesiegel der Nachhaltigkeit daherkommen. Bei gewissen Anlagefonds werden Unternehmen bestimmter Branchen wie etwa Rüstung, Tabak oder Automobil rigoros gemieden.

 

Bei anderen Fonds wird grundsätzlich keine Branche ausgeschlossen, wobei dann innerhalb der Branche jenes Unternehmen herausgepflückt wird, welches punkto Ökologie und Ethik die grössten Anstrengungen unternimmt (siehe Kasten). Das führt dann zu jener kuriosen Situation, dass ein Ölkonzern wie Exxon Mobil im Nachhaltigkeitsfonds «SAM Sustainable Leaders Fund» die dritthöchste Position einnimmt. Exxon Mobil hat scheinbar aus dem Desaster von Alaska die Lehren gezogen und präsentiert sich innerhalb der Branche als Musterknabe.

 

Im Stiftungsrat kein Thema


«Ich würde erwarten, dass in den Stiftungsräten zumindest darüber diskutiert wird, wieweit das Vermögen nachhaltig angelegt werden soll und welche Chancen sich daraus ergeben können», meint Robert Hauser, Leiter Nachhaltigkeitsresearch bei der Zürcher Kantonalbank. Doch Hauser zweifelt, dass das auch geschieht. Seine Skepsis ist nicht unbegründet angesichts der Tatsache, dass laut Umfrage von Swisscanto nicht einmal ein Prozent des Pensionskassenkapitals gemäss nachhaltigen Grundsätzen angelegt wird.

 


 

Vier Anlagestile

Der positive Ansatz: Es werden jene Unternehmen herausgepickt, die sich innerhalb der Branche am vorbildlichsten verhalten. Somit wird keine Branche ausgeschlossen. Dieser Ansatz – auch Best-of-Class-Ansatz – ist vor allem in Kontinentaleuropa verbreitet.

 

Der negative Ansatz: Der Fonds verzichtet auf Aktien bestimmter Branchen oder Produktionsmethoden. Mögliche ausgeschlossene Bereiche: Automobil, Betrieb fossiler Kraftwerke, Verkauf fossiler Energieträger, Gentechnik in der Landwirtschaft. Dieser Ansatz wird vor allem in angelsächsischen Ländern betrieben.

Der Themenansatz: Der Fonds investiert ausschliesslich in Nachhaltigkeitsthemen. Dies können Einzelthemen wie Wasser oder erneuerbare Energie sein oder ganze Themenkomplexe wie Klimawandel umfassen.

 

Der Ansatz der Einflussnahme: Dieser Ansatz wirkt auf zwei Ebenen: zum einen über die Wahrnehmung der Stimmrechte; zum andern in einem Dialog mit dem Management über ökologische und ethische Themen. Diese Strategie hat in jüngster Zeit an Bedeutung gewonnen.

 

Erschienen in der BZ am 19. Mai 2008


Claude Chatelain