Moment mal: Seelische Schäden fürs Leben

«Jede Ohrfeige und jeder andere körperliche Übergriff ist eine Verletzung der Integrität, ist eine Tätlichkeit und damit ein Straftatbestand.» Das stellte die ehemalige SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot-Mangold in einer parlamentarischen Initiative fest.

Die Rechtskommission des Ständerats kann dieser Initiative wenig abgewinnen, wie diese Woche bekannt wurde. Dabei zeigen doch Studien, dass auch leichte Gewalt schwere Folgen für Kinder haben kann. Das bestätigte kürzlich die Soziologin Andrea Hauri in dieser Zeitung.

 

Ich, Jahrgang 1953, bin der lebende Beweis. Ich gehöre zu der gebeutelten Generation, die etwa einen «Chlapf» bezog.

 

Wie hatte uns doch im Viktoria-Schulhaus in Bern der Naturkundepapst Wasem am Grännihaar gezogen; der gehbehinderte Born brauchte seine Stöcke nicht nur zum Gehen, und beim Woodtli bin nicht nur ich in eine «Wasche» gelaufen. Die stärkste Ohrfeige, hiess es damals, verteilte der Drück. Der war zum Glück nicht mein Lehrer. Selbst der Fuchs, der Abwart, musste bisweilen Hand anlegen – nicht nur am Werkzeug. Es gibt kaum Männer meines Alters und älter, die nicht ein Opfer lehrerischer Gewalt waren. Nach wissenschaftlicher Erkenntnis sind wir alle traumatisiert.

 

Auch in der Spätpubertät haben wir uns als Folge dieser seelischen Schäden verhaltensgestört benommen: Das erkennt man etwa daran, dass es uns nicht einmal in den Sinn gekommen wäre, unbescholtene Passanten zu verprügeln.

 

Erschienen in der BZ am 17. Mai 2008

Claude Chatelain