2,1 Prozent Rendite reicht nicht aus

Othmar Simeon, Swisscanto.
Othmar Simeon, Swisscanto.

Trotz turbulenter Finanzmärkte sind die meisten Pensionskassen sehr gut unterwegs. Dies gilt freilich nur für die privat-rechtlichen Kassen. Zahlreiche öffentlich-rechtliche Einrichtungen haben Deckungslücken.

2,1 Prozent. So viel Rendite holten die Pensionskassen im zurückliegenden Jahr im Schnitt heraus. Das reicht nicht einmal, um die gesetzlich vorgeschriebene Mindestverzinsung von 2,5 Prozent zu finanzieren – von den Verwaltungskosten nicht zu sprechen. Das zeigt die Pensionskassenumfrage von Swisscanto, welche gestern in Zürich vorgestellt wurde.

 

Die unterdurchschnittliche Rendite gibt dennoch keinen Anlass zur Sorge. Finanzmärkte haben es in sich, dass sie Kursschwankungen unterliegen. Aus diesem Grund sind die Vorsorgeeinrichtungen bestrebt, einen Deckungsgrad von über 100 Prozent auszuweisen und somit Wertschwankungsreserven aufzubauen. 90 Prozent der von Swisscanto befragten privatrechtlichen Pensionskassen weisen per Ende 2007 einen Deckungsgrad von über 105 Prozent aus; 45 Prozent sogar von über 115 Prozent – trotz der schwachen Rendite. Im angelaufenen Jahr ist der Deckungsgrad per Ende Februar im Schnitt auf 108,3 Prozent gefallen (siehe Grafik).

 

Grosse Unterschiede


Weniger rosig stehen die öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen da. Im Schnitt ist ihr Deckungsgrad per Ende Februar auf unter 100 Prozent gefallen. Die Summe der Fehlbeträge hat sich 2007 bei den öffentlich-rechtlichen Kassen von 9,9 auf 10,5 Milliarden Franken erhöht. Bei den privat-rechtlichen hingegen ist der addierte Fehlbetrag trotz ungenügender Rendite von 2,1 auf 1,5 Milliarden Franken zurückgegangen.

 

Wie die Swisscanto-Studie zeigt, weichen die Anlagestrategien der öffentlich- und privatrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen nicht stark voneinander ab. Der Grund der abweichenden Deckungsgrade muss also anderswo liegen: «Der ungenügende Deckungsgrad der öffentlich-rechtlichen Kassen ist geschichtlich bedingt», weiss Othmar Simeon, Leiter Personalberatung bei der Swisscanto-Gruppe. Wegen der Staatsgarantie waren in der Vergangenheit etliche öffentlich-rechtliche Kassen gar nicht bemüht, eine 100-prozentige Deckung auszuweisen. So zahlten sie Leistungen, die zum Teil nicht finanziert waren. Oder sie verzinsten die Guthaben der Versicherten zu überdurchschnittlichen Sätzen, statt Wertschwankungsreserven aufzubauen.

 

Öffentliche tun sich schwer

 

«Heute sind auch die öffentlich-rechtlichen Kassen bemüht, einen Deckungsgrad von über 100 Prozent zu erzielen», erklärt Othmar Simeon. Dies vor allem wegen möglicher Abspaltungen oder Privatisierungen, wie das bei der Ruag oder der SBB der Fall gewesen war. Zur Erinnerung: Bevor die Pensionskasse SBB vor neun Jahren in die Unabhängigkeit entlassen wurde, hatte sie einen Deckungsgrad von unter 100 Prozent. Der Steuerzahler musste daher 5,1 Milliarden Franken einwerfen, damit die Pensionskasse SBB mit einem Deckungsgrad von 100 Prozent starten konnte.

 

Steckt eine Kasse einmal in einer Unterdeckung, ist es unter Umständen extrem schwierig, aus dem Loch herauszukommen. Häufig geht es nicht ohne Sanierungsmassnahmen. Wobei es sich die öffentlich-rechtlichen Kassen nicht selten sehr einfach machen. Sie vertrauen auf den Steuerzahler, der dann das Loch schon stopfen wird…

 

Kaum nachhaltig investiert

Vom gesamten Pensionskassenvermögen in der Schweiz werden keine 1 Prozent in nachhaltige Anlagen investiert.

 

Swisscanto hat sich mit nachhaltigen Anlagen seit längerem einen Namen gemacht. So erstaunt es nicht, dass nachhaltige Anlagen gestern an der Präsentation der Swisscanto-Studie zum Sonderthema gemacht wurden. Doch CEO Gérard Fischer stellte gestern ernüchternd fest, dass nachhaltige Anlagen vom gesamthaft in der Schweiz verwalteten Pensionskassen-vermögen nicht einmal ein Prozent ausmachen.

 

Weshalb sollen Pensionskassen nach nachhaltigen Kriterien investieren? Fischer nennt zwei Gründe: Studien und Nachhaltigkeitsfonds belegen, dass die Rendite von nachhaltigen Produkten nicht schlechter ist. Zweitens

sollten Pensionskassen wegen ihrer langfristigen Ausrichtung dazu beitragen, «dass auch zukünftige Generationen noch mit demselben Lebensstandard auf diesem Planeten leben können».

 

Zumindest die öffentlich-rechtlichen Kassen scheinen diese Verantwortung vermehrt wahrzunehmen. Sie sind laut Fischer deutlich stärker nachhaltig investiert als privat-rechtliche Vorsorgeeinrichtungen. Dennoch möchte der Swisscanto-Chef keine gesetzlichen Vorschriften, wie sie etwa Grossbritannien, Norwegen oder Belgien kennen. In Gross-britannien muss seit 1997 Bericht erstattet werden, wie weit bei den Anlageentscheiden auch Sozial-, Umwelt- oder Ethiküberlegungen eine Rolle spielten.

 

Erschienen in der BZ am 16. Mai 2008


Claude Chatelain