Schläger müssen zahlen

Wenn das kleine oder grosse Kind etwas anrichtet, ist das ein Fall für die Privathaftpflichtversicherung. Aber Achtung: Man sollte sich nicht zu sicher fühlen. Für Schlägertypen gibt es keine Haftung.

Protokoll eines Ereignisses im Raum Bern: Schlägerei auf dem Pausenplatz. Das Gebiss eines Jugendlichen nahm Schaden. Die Heilungskosten beliefen sich auf 3197 Franken. Der Schläger besass nur 800 Franken. Sein Vater lag mit seinem Einkommen knapp über dem Existenzminimum. Das Beispiel ist nicht fiktiv. Es hat sich tatsächlich so zugetragen, erzählt Thomas Lüthi vom Krankenversicherer Helsana. «Damit die Familie nicht in eine Notlage gerät, der Verursacher aber trotzdem seine Lehre aus dem Vorfall zieht, kamen wir der Familie entgegen.» Der Schläger musste sein Geld hergeben und einen Teil des künftigen Taschengeldes opfern. Den Rest musste sich die Helsana ans Bein streichen. «Die Alternative wäre ein langer Rechtsstreit gegen einen allenfalls insolventen Schuldner gewesen», begründet Lüthi.

 

Warum aber hat nicht die Privathaftpflichtversicherung den Schaden bezahlt? «Ansprüche aus Schäden, deren Eintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden musste oder in Kauf genommen wurde», sind nicht versichert. So etwa steht es in den allgemeinen Bedingungen der Versicherungsgesellschaften. Jürg Erb, Spezialist Spezialschäden bei der Mobiliar: «Ein 15-jähriger Jugendlicher weiss, dass ein Faustschlag gegen eine andere Person diese verletzen kann. Er nimmt einen Schaden in Kauf und hat die Folgen selber zu tragen.»

 

Provoziert oder nicht?

 

Beat Schmidlin von der Bâloise nennt folgendes Beispiel: Eine Gruppe 12-Jähriger spielt Fussball. Einer der Gewinner provoziert einen Verlierer, nennt ihn wiederholt «Loser», bis dieser ausrastet. Er rennt dem Provokateur nach, packt ihn, sie fallen zu Boden, der Provokateur bricht sich ein Bein. «Hier wollte der eine Knabe dem anderen nicht das Bein brechen, es ging um einen Denkzettel», urteilt Schmidlin.

 

Reduzierte Haftung

 

Die Haftung des Knaben ist auf Grund des jugendlichen Alters und der vorangegangenen Provokationen reduziert. Die Privathaftpflicht würde zumindest einen Teil der Kosten übernehmen. Ein anderes Beispiel: 10-jährige Pfadfinder spielen Räuber und Gendarm. Als der «Polizist» den «Räuber» fesseln will, wehrt sich dieser: Er schlägt dem «Polizisten» mit dem Ellbogen unabsichtlich einen Zahn aus. «Das geschah unabsichtlich. Wir würden hier Deckung gewähren», sagt Jürg Erb von der Mobiliar.

 

Ebenfalls versichert wäre der Drittklässler, der dem Schulkameraden das Bein stellt, worauf dieser so unglücklich stürzt, dass er mit einem Schädelbruch ins Spital muss.

«Der Schadenverursacher nahm zwar in Kauf, dass der andere zu Boden stürzt», sagt Erb. Ein Drittklässler könne aber nicht abschätzen, dass sich sein Kollege eine schwere Verletzung zuzieht.

 

Frage der Urteilsfähigkeit


Im Grundsatz gilt: Je jünger der Schadenverursacher, desto weniger ist er für sein Tun verantwortlich. Massgebend ist die Urteilsfähigkeit. Laut Beat Schmidlin spielen aber auch die körperliche und geistige Entwicklung und die Schulbildung eine Rolle.

 

Aber auch wenn die Urteilsfähigkeit bejaht wird, so heisst das nicht, dass der Junge voll haftet. Häufig wird die Haftung auf Grund des Alters reduziert. Das heisst, der Versicherer zahlt zum Beispiel 60 Prozent des Schadens.

 

Fall für Krankenkasse


Ohnehin kommt bei Schlägereien die Krankenkasse ins Spiel. Sie übernimmt die Spitalkosten und klärt ab, wieweit diese auf andere abgewälzt werden können. «Wenn sich der Sachverhalt so darstellt, dass ein Regress möglich erscheint, wird dies durch die Krankenversicherung erledigt», bestätigt CSS-Sprecher Stephan Michel. Das heisst, der Krankenversicherer wird den Haftpflichtversicherer zur Kasse bitten.

 

Falls dieser aber die Schadensdeckung aus den genannten Gründen ablehnt, geht der Krankenversicherer auf die Eltern des Schlägers los. Und was passiert, wenn diese den Schaden nicht bezahlen können? Stephan Michel: «Wenn die Rechtslage eindeutig dafür spricht, dass die Hauptschuld beim Schläger liegt, würden wir allenfalls die Forderung auf dem betreibungsrechtlichen Weg durchsetzen.»

 

Erschienen in der BZ am 13. Mai 2008

Claude Chatelain