Gleicher Lohn, ungleiche Rente

Gleicher Job, gleicher Lohn, aber ungleiche Altersrente: Ein Lokführer der SBB erhält eine um 18 Prozent höhere Altersrente als sein «Kollege» von der BLS. Dies verdankt er seiner Pensionskasse mit ihren grosszügigen Beiträgen.

Stephan Gerber von der unabhängigen Pensionskassenberatung Abcon in Bern rechnet vor: Bei einem Jahreslohn von 65607 Franken kann der SBB-Mitarbeiter mit einer monatlichen Altersrente von 4342 Franken rechnen. Arbeitet er zum gleichen Lohn bei der BLS, beläuft sich die voraussichtliche Altersrente «bloss» auf 3656 Franken. Noch kleinere Brötchen backen die gut 400000 Schweizerinnen und Schweizer, die nur gemäss dem gesetzlichen Minimum laut BVG versichert sind: Sie kommen auf eine Monatsrente von 2932 Franken. Ursache dieser Diskrepanz: die grosszügigen Leistungen des Arbeitgebers SBB.

 

Die Diskrepanz würde noch grösser ausfallen, wenn das Altersguthaben der BLS und SBB zum gleichen Umwandlungssatz umgerechnet würde. In Zukunft könnte das sehr wohl der Fall sein (siehe Vergleich).

 

Schlecht behandelt

 

Trotz dieser feudalen Ausgangslage fühlen sich SBB-Angestellte schlecht behandelt. Das zeigten etwa die Reaktionen, welche nach der Berichterstattung dieser Zeitung über das Finanzloch in der Pensionskasse SBB eingegangen sind. Sie beklagen sich, für die Sanierung ihrer Pensionskasse tief in die Tasche langen zu müssen.

 

In der Tat bezahlten die Angestellten der SBB in den Jahren 2003 und 2004 Sanierungsbeiträge von 1,5 Prozent auf dem versicherten Lohn. Und auf den 1.Januar 2005 mussten sie auf den Teuerungsausgleich auf dem Lohn verzichten, sodass die SBB als Arbeitgeberin den gesamten Sanierungsbeitrag von 3 Prozent übernehmen musste.

 

Einseitige Sanierung

 

Seit 2007 zahlen nun die Angestellten der SBB dank der finanziellen Hilfe der SBB im Umfang von 1,5 Milliarden Franken keine weiteren Sanierungsbeiträge mehr. Der Berner Pensionskassen-Spezialist Werner C.Hug: «Normalerweise wird die Sanierung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern paritätisch vorgenommen.»

 

Das erleben etwa die Mitarbeiter der BLS und anderer Bahnen, die bei Ascoop versichert sind. Sie zahlen für die Sanierung seit 2006 bis auf weiteres 1,5 Prozent des versicherten Lohns. Der Finanzierungshorizont beträgt mehr als zehn Jahre.

 

Das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) schreibt den Vorsorgeeinrichtungen vor, wie viele Prozent des versicherten Lohns im Minimum angespart werden müssen. Dabei ist es den Pensionskassen freigestellt, höhere Beiträge festzulegen. Je höher die Beiträge, desto höher die Altersrente. Die Arbeitnehmerbeiträge können vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden, und die Arbeitgeberbeiträge sind so etwas wie ein steuerbefreiter Lohnzusatz.

 

Grosszügige Pensionskasse

 

Bei der Beitragsprimatkasse der SBB liegen die Beiträge über dem gesetzlichen Minimum, und dann sind die Beiträge der Arbeitgeber erst noch deutlich höher als jene der Arbeitnehmer. Die SBB-Angestellten profitieren nicht nur davon, dass die Sanierung zu einem überwiegenden Teil vom Arbeitgeber finanziert wird. Sie profitieren ebenfalls von überdurchschnittlichen Arbeitgeberbeiträgen.

 

Gemäss Rudolf Stampfli steht die Pensionskasse SBB mit ihren Beiträgen und Leistungen ungefähr im Mittelfeld. (Ausgabe von gestern). Stephan Gerber, der eben erst zum Präsidenten der Schweizerischen Kammer der Pensionskassen-Experten gewählt wurde, meint dagegen: «Das Leistungsniveau und das Verhältnis zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen sind bei der Pensionskasse SBB sehr grosszügig.» Da drängt sich die Frage auf, weshalb die Sanierung einseitig zu Lasten des Steuerzahlers erfolgt. «Bei solchen Leistungen des Arbeitgebers muss man erwarten, dass für die Sanierung auch die aktiven Versicherten beitragen», bemerkt Werner C.Hug.

 

3 Milliarden gefordert

 

Wie berichtet, muss die Pensionskasse SBB saniert werden. Sie wies per Ende 2007 einen Deckungsgrad von 92,4 Prozent aus. Nun fordert die SBB-Spitze vom Steuerzahler, das Loch von 3 Milliarden Franken zu stopfen, obschon die Kasse vor neun Jahren mit 5,1 Milliarden Franken an Bundesgeldern ausfinanziert wurde. Rudolf Stampfli begründet diese Forderung mit dem Argument, die Kasse sei vor neun Jahren ohne Wertschwankungsreserven in die Unabhängigkeit entlassen worden. Der Bund sei seinen Verpflichtungen nicht vollständig nachgekommen.

 

Erschienen in der BZ am 3. Mai 2008

Claude Chatelain