Geldmaschinen in Bedrängnis

Kaum ein Tag, an welchem nicht ein weiterer Hedge Fund die Segel streicht. Wie mancher Dominostein fällt noch? Experten rechnen damit, dass bis 20 Prozent aller Hedge Funds in Bedrängnis geraten könnten.

Weltweit gibt es um die 10000 Hedge Funds. Mehr und mehr davon müssen als Folge der Subprime-Krise dichtmachen. Haben wir eine Kettenreaktion zu befürchten? «Nein», hofft Rudolf Rickenmann von Lombard Odier Darier Hentsch. Für eine Kettenreaktion müssten die Verwerfungen an den Finanzmärkten grössere Dimensionen annehmen, wobei das natürlich nie auszuschliessen sei. Bedroht sind laut Rickenmann jene Hedge Funds, die in illiquide Anlagen investieren, wie zum Beispiel in Subprime-Hypotheken. Ebenfalls gefährdet sind jene Vehikel mit einer extrem hohen Fremdfinanzierung.

 

Nach Einschätzung von Christian Raubach, Geschäftsführender Teilhaber der Privatbank Wegelin, haben 5 bis 10 Prozent der Hedge Funds das Wasser bis zum Hals. Weitere 10 Prozent könnten in Bedrängnis geraten, wenn sie die Strategie nicht rechtzeitig anzupassen vermögen.

 

Banken wollen Geld zurück


Mit Strategie ist auch die Fremdfinanzierung angesprochen. Hedge Funds sind bekannt dafür, sich im grossen Stil zu verschulden. Da nun die Investmentbanken selber in die Bedrouille geraten sind, wollen sie die Kredite nicht mehr verlängern oder verlangen grössere Sicherheiten. So sind zahlreiche Hedge Funds damit beschäftigt, die Fremdfinanzierung herunterzufahren. Freilich müssen sie vorerst ihre Wertschriften verkaufen, um die Darlehen zurückzahlen zu können. Dies wiederum führt zu einem überhöhten Druck auf die Kurse. «Der markante Kursrückgang an den Aktienbörsen vom Januar war zum grossen Teil auf Verkäufe von Hedge Funds zurückzuführen», weiss Christian Raubach.

 

Dies funktioniert aber nur bei jenen Hedge Funds, die sich in liquiden Märkten bewegen. Wo aber der Markt zusammengebrochen ist, wie eben im Subprime-Markt der USA, können die Wertpapiere nicht verkauft und damit die Bankkredite nicht zurückbezahlt werden.

 

Irrsinniger Hebeleffekt


Viele Zusammenbrüche sind aber nicht bloss auf illiquide Märkte, sondern auf eine übertriebene Fremdfinanzierung zurückzuführen. Hedge Funds finanzieren sich mit den Einlagen der Investoren sowie mit Bankkrediten. Je mehr Fremdkapital, desto grösser der Hebel, der eingesetzt werden kann. Mitunter treibt die Fremdfinanzierung seltsame Früchte: Carlyle Capital Corp. (CCC) ist so ein Pleite gegangener Hedge Fund. «Mit einem Hebel von 32, also mit Bankkrediten, produzierte Carlyle Capital aus 670 Millionen Dollar Einlagen von Investoren 22 Milliarden Dollar Investitionskapital», ist in der Fachzeitschrift «AWP Soziale Sicherheit» zu lesen.

 

Kassieren und abhauen

 

Solche Machenschaften ärgern auch Insider wie Christian Raubach: «Es ist unschön, wie der Hedge-Fund-Manager in guten Zeiten sehr viel Geld verdient. Und wenn es Probleme gibt, muss der Investor die Zeche zahle.» Der Hedge-Fund-Manager verdient an der Performance-Fee. Je höher die Rendite, desto höher sein Verdienst, desto grösser aber auch das Absturzrisiko. Nach dem HFR Industry Report sind 2006 weltweit 1518 Hedge Funds gegründet worden; 717 mussten dagegen liquidiert werden. Auf zwei Gründungen gab es eine Pleite. Und noch eine vielsagende Zahl: Nur 25 Prozent aller Hedge Funds ist über sieben Jahre alt.

 

Mit einem Vermögen von über einer Milliarde Franken ist die Privatbank Wegelin hier zu Lande die grösste Anbieterin von Einzel-Hedge-Funds. «Unsere Hedge Funds sind alle liquide», versichert Raubach. Gut zu wissen: Es gibt eben Hedge Funds und Hedge Funds.

 

 

Der aggressive Stil ist ihr Merkmal

Ein Hedge Fund ist ein Anlagefonds, bei welchem der Fondsmanager mehr oder weniger machen kann, was er will. Weltweit gibt es um die 10000 Hedge Funds, welche auf die unterschiedlichste Weise in Wertschriften investieren. Während bei einem Aktienfonds klar definiert ist, in welche Aktien der Fonds investieren darf, gibt es für Hedge Fonds keine vergleichbaren Vorschriften.

 

Ein grosser Teil der Hedge Funds investiert ausschliesslich in Aktien und dazugehörende Derivate wie Optionen oder Futures. Andere handeln mit Wertschriften mit einem festen Zins, wie zum Beispiel verbriefte Hypotheken. Nochmals andere verdienen ihr Geld mit Devisengeschäften, indem sie die Kursunterschiede auf unterschiedlichen Märkten ausnützen. So gesehen bilden Hedge Funds

keine eigenständige Anlageklasse; vielmehr verkörpern sie einen bestimmten Anlagestil. Dies mit dem Resultat, dass Hedge Funds häufig in gleiche Wertschriften investieren wie konventionelle Anlagen.

 

Nur tun sie es eben auf eine andere Art, zum Beispiel mit sogenannten Leerverkäufen: Man verkauft auf einen bestimmten Termin zu einem bestimmten Preis Wertschriften, die man noch gar nicht besitzt. Dies in der Hoffnung, dass die Kurse in naher Zukunft sinken. Wenn sie gesunken sind, werden die Papiere gekauft, die man vorher zu einem höheren Preis auf Termin verkauft hatte.

 

Erschienen in der BZ am 28. März 2013


Claude Chatelain