Senioren dürfen länger arbeiten

Der Nationalrat will Anreize schaffen, damit die Leute auch nach Alter 65 einem Erwerb nachgehen. Dringender wären wohl Anreize, damit Schweizerinnen und Schweizer mit Alter 55 und älter überhaupt eine Stelle finden.

Die Babyboomer gehen bald in Pension. Damit nimmt die Zahl der erwerbstätigen Bevölkerung drastisch ab. Das ist eine gute Nachricht für Leute ab Alter 55. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt sein. Die Arbeitgeber sind über diese Entwicklung weniger erfreut: Sie werden unter einem Arbeitskräftemangel leiden. Diese Entwicklung hat die inzwischen abgetretene Zürcher Ständerätin Trix Heberlein vor zwei Jahren auf den Plan gerufen: «Die Weichen sind so zu stellen, dass ältere Arbeitnehmende nach Erreichen des Pensionierungsalters im Erwerbsprozess bleiben können, jedoch nicht müssen», forderte sie in einer Motion. Der Nationalrat hat die Motion gestern diskussionslos überwiesen, nachdem sie schon in der Sozialkommission ohne Gegenstimme unterstützt worden war. Selbst der Bundesrat beantragt die Annahme der Motion.

 

Ältere Leute auf Jobsuche wären bereits froh, wenn sie überhaupt bis zum Rentenalter arbeiten könnten, geschweige denn darüber hinaus. «Stellensuchende über 50 werden oft schon gar nicht angeschaut», weiss Gewerkschaftspräsident Paul Rechsteiner. Daher sollten vorab Massnahmen ergriffen werden, damit ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr diskriminiert werden.

 

Alterspolitik auf 60 Seiten

 

Auch der Bundesrat vertritt diese Meinung. Im 60-seitigen Bericht «Strategie für eine schweizerische Alterspolitik» fordert er gezielte Massnahmen zur Förderung der Erwerbstätigkeit älterer Arbeitnehmender. Etliche Massnahmen sind schon aufgegleist worden: In der 11. AHV-Revision, der Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes wie auch in der bereits abgeschlossenen Strukturreform der beruflichen Vorsorge sind Massnahmen zur Erhöhung der Partizipation älterer Arbeitnehmender vorgesehen.


Die wirkungsvollste Massnahme scheint indessen nicht realisierbar zu sein: die Gleichstellung jüngerer und älterer Arbeitnehmer in der beruflichen Vorsorge. Das BVG ist «seniorenfeindlich». Bei den Jungen betragen die gesetzlichen Sparbeiträge 7 Prozent des versicherten Lohnes, bei den über 55-Jährigen hingegen 18 Prozent. Je älter der Mitarbeiter, desto teurer kommt er den Betrieb zu stehen – dies nicht wegen des Lohns.

 

Teures BVG

 

Sinnvoller wären einheitliche Altersgutschriften. Doch eine Umstellung würde während einer Übergangszeit von 40 Jahren Mehrkosten in Milliardenhöhe verursachen. Mehrkosten deshalb, weil die Altersgutschriften der über 45-Jährigen bei einem Durchschnittssatz gekürzt werden müssten. Damit sie aber diese Leute gleichwohl aufs vorgesehene Sparziel kämen, müsste irgendjemand – wohl der Steuerzahler – das Loch stopfen. Das Seco und das Bundesamt für Sozialversicherung kommen daher in einer gemeinsamen Studie zum Schluss, dass sich die Umstellung nicht verwirklichen lasse. Kostenanträge, welche erst in 40 Jahren wirksam werden, haben in der politischen Landschaft kaum Aussicht auf Erfolg.

 

So liegt es an den Vorsorgeeinrichtungen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten die älteren Mitarbeiter besser beziehungsweise weniger schlecht zu stellen. Dies ist aber nur bei Kassen möglich, welche zusätzlich zu den obligatorischen auch überobligatorische Leistungen anbieten. Sie können im überobligatorischen Bereich für jüngere Mitarbeiter höhere und für ältere Mitarbeiter tiefere Beiträge abziehen. Sie haben lediglich dafür zu sorgen, dass die gesetzlichen Mindestabzüge auf dem obligatorischen Teil eingehalten werden.

 

Die Pensionskasse des Flugwartungskonzerns SR Technics kennt für alle Angestellten den gleichen Beitragssatz. Und bei der Pensionskasse des Kantons Luzern nehmen die Arbeitgeberbeiträge ab Alter 59 sogar ab. Hier besteht also überhaupt kein Anreiz, Leute mit Alter 60 frühpensionieren zu lassen – zumindest nicht aus Kostengründen.

 

 

Steuerabzug bis Alter 70

Die Motion «Anreize zur längeren Partizipation am Erwerbsleben» wurde erst gestern vom Nationalrat überwiesen. Doch schon auf Anfang 2008 hat der Bundesrat eine erste Massnahme in Kraft gesetzt.

 

Bisher war das steuerbegünstigte Sparen 3a nur bis Alter 65 möglich. Nun wurde auf Anfang Jahr das Höchstalter auf 70 erhöht. Wer also auch

nach dem ordentlichen Pensionierungsalter einer Erwerbstätigkeit nachgeht, kann neu Beiträge aufs Konto 3a überweisen und vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen. Ein Trost für Rentnerinnen und Rentner, welche sich über mangelnde steuerliche Abzugsmöglichkeiten beklagen.

 

Erschienen in der BZ am 8. März 2008


Claude Chatelain