«Ich rechne nicht damit, dass Ospel schon bald zurücktritt»

Bankenkenner Dirk Schütz
Bankenkenner Dirk Schütz

Marcel Ospel ist auf der Kommandobrücke der UBS sehr gefragt, meint «Bilanz»-Chefredaktor und Buchautor Dirk Schütz.

 

Herr Schütz, Marcel Ospel sitzt immer noch im Sattel. Erstaunt?

Dirk Schütz: Überhaupt nicht.

Ist es Machthunger, übertriebener Ehrgeiz oder Verantwortungsbewusstsein, dass er immer noch an Bord ist?

Es ist auch das Bedürfnis, aus dieser Krise, für die er ja mit verantwortlich ist, wieder herauszukommen. Er hat die besten Kontakte zur Bankenszene. Deshalb ist er zurzeit auf der Kommandobrücke der UBS sehr gefragt. Das sehen auch Verwaltungsrat und Konzernleitung so. Und dann ist es natürlich auch eine Frage der Ehre. Ich glaube nicht, dass Marcel Ospel so abtreten will. Er kann ja bislang auf eine sehr erfolgreiche Karriere zurückblicken.

 

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Marcel Ospel schon manchen Sturm überlebt hat. Wird er also auch diesen überleben?

Die Frage ist, auf welchem Zeithorizont man dies anschaut. Ich rechne nicht damit, dass er in den nächsten zwei, drei Monaten zurücktritt. Ich denke, erst wenn das genaue Ausmass der Krise abgeschätzt werden kann und die Gegenmassnahmen ergriffen wurden, wird er die Frage beantworten, wie lange er noch bleiben will.

 

Wird er, wenn er geht, als Star abtreten oder als Versager?

Tatsache ist, dass er eine solche Krise in der heutigen Dimension noch nie erlebt hat. Das wird ihm immer als Stigma anhaften. Er wird vermutlich weder Star noch Versager sein, sondern etwas in der Mitte.

 

Das Problem ist ja, dass keine Nachfolge in Sicht ist.

Das ist tatsächlich das Hauptproblem. Die normale Generationenfolge wäre ja gewesen, dass der frühere Konzernchef Peter Wuffli ihn beerbt. Daraus ist nichts geworden.

 

Was ist Ihre Version, weshalb Peter Wuffli gehen musste?

Herr Wuffli war im Verwaltungsrat am Ende nicht gut angesehen. Es hatte ja schon vorher Spannungen zwischen dem Verwaltungsrat und Peter Wuffli gegeben. Die Mitglieder wollten ihn einfach nicht als ihren Chef akzeptieren.

 

Die starken Männer an Ospels Seite wurden allesamt aus dem Weg geräumt. Muss man dem Verwaltungsrat den Vorwurf machen, keinen Nachfolger aufgebaut zu haben?

Das ganze Gremium wiegte sich zu sehr in Sicherheit, dass man die Nachfolgefrage mit den drei Personen Ospel, Wuffli, Rohner gelöst habe. Im vergangenen Sommer ist das mittlere Element der Kette weggefallen. Jetzt steht der Verwaltungsrat schlecht da. Er war in den goldenen Jahren zu selbstsicher. Das rächt sich nun.

 

Erschienen in der BZ am 15. Februar 2008

Claude Chatelain