«Wir wollen Bankprodukte verkaufen»

Axa-Chef Philippe Egger
Axa-Chef Philippe Egger

Seit einem Jahr gehört die Winterthur nicht mehr der Credit Suisse Group, sondern der französischen Axa. Vieles ist seither anders geworden, der Chef ist der gleiche: Philippe Egger leitet seit 2004 die Winterthur in der Schweiz.

Herr Egger, was ist die wichtigste Veränderung, seit die Winterthur einem französischen Versicherungskonzern und nicht mehr einer Schweizer Bank gehört?

Philippe Egger: Der Umstand, dass die Axa weltweit ganz klar eine Wachstumsstrategie fährt und viel stärker auf den länderübergreifenden Erfahrungsaustausch setzt.

 

Wollte die CS nicht, dass ihre Versicherungstochter wächst?

Unter der Credit Suisse ist die ehemalige Winterthur Group insgesamt kleiner geworden. Einige Einheiten wurden verkauft.

 

Von Axa-Winterthur-Mitarbeitern habe ich mir sagen lassen, zu CS-Zeiten habe ein starker kurzfristiger Gewinndruck bestanden. Bestätigen Sie diesen Eindruck?

Bei der CS entwickelte sich die Winterthur von einer strategischen Akquisition immer mehr hin zu einer Finanzanlage. Das heisst nichts anderes, als dass die Priorität in der Profitabilität liegt und nicht in einer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung.

 

Die Pro-Kopf-Ausgaben für Versicherungsprämien betragen in der Schweiz 7000 Dollar, so viel wie in keinem anderen Land. Der Markt ist gesättigt. Wie wollen Sie da weiterwachsen?

Das ist tatsächlich die grösste Herausforderung, wenn man bereits die Nummer eins ist im Markt. Je nach Kundensegment und Branche haben wir einen Marktanteil zwischen 16 und 35 Prozent. Weiterwachsen können wir nur in jenen Segmenten, in welchen wir bisher untervertreten waren.

 

Zum Beispiel?

In gewissen KMU-Bereichen sehen wir Wachstumspotenzial. Ebenfalls bei jungen Familien und bei Frauen und Männern über 50 Jahren. Wachsen wollen wir zudem durch den Aufbau von 25 Spezialagenturen für den Verkauf von Vorsorge- und Anlageprodukten bis 2012. Alleine in unserer Verkaufsregion Bern planen wir 5 solcher Agenturen. Bereits definiert sind die Standorte Bern, Burgdorf und Solothurn.

 

Und bei welchen Produkten sind Sie untervertreten?

Traditionell gehörte die ehemalige Winterthur bei den Einzellebens- oder bei den Hausrat- und Privathaftpflichtversicherungen nicht zu den Grössten. Um in Zukunft noch besser auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen, segmentieren wir neu nach Kunden, nicht mehr nach Produkten.

 

Wenn Sie in einem gesättigten Markt wachsen wollen, müssen die anderen Haare lassen.

Ich bin auch der Meinung, dass der Versicherungsmarkt in der Schweiz kaum mehr wachsen wird. Aber man darf den Versicherungsmarkt nicht zu eng sehen. Im Sparbereich gibt es durchaus noch Wachstumsmöglichkeiten…

 

Deshalb haben Sie ja eine Banklizenz beantragt…

Die Axa, nicht die Axa Winterthur, hat dies in der Schweiz getan. Für Kunden ist das zwar einerlei, nicht aber für die Zulassungsbehörde.

 

Sie verfolgen eine Allfinanz-Strategie, obschon die Erfahrung mit der CS zeigte, dass diese Strategie in der Schweiz nicht funktioniert?

Beim Allfinanz-Geschäftsmodell, das im erwähnten Fall die Erwartungen nicht erfüllte, verkaufte die Bank auch Versicherungen. Diese Art der Zusammenarbeit wird heute in vielen europäischen Ländern als Bancassurance bezeichnet. Wir hingegen reden von Assurebanking. Darunter verstehen wir eine fokussierte Kooperation, in der die Versicherung eigene oder Bankprodukte von Partnern vertreibt.

 

Also eine ähnliche Strategie, wie sie die Basler mit ihrer Bank SoBa verfolgt?

Die Baloise Bank SoBa ist eine traditionelle Bank mit Schaltern, Bancomat, Tresorräumen und allem, was dazu gehört. Wir hingegen wollen keine physische Bank betreiben, sondern lediglich bestimmte weitere Bankprodukte verkaufen.

 

Auf was für Bankprodukte werden Sie den Fokus legen?

Das wird die Marktforschung zeigen. Unser Ziel ist es, einfache Bankprodukte anbieten zu können – alleine oder im Verbund mit einem Partner.

 

Ist es nicht klar, was die Kunden wollen? Sie wollen Anlagefonds ohne integrierten Versicherungsschutz.

Vermutlich wollen unsere Kunden eine möglichst hohe Rendite mit Garantie. Entsprechend würden wir künftig vermehrt fondsgebundene Versicherungsprodukte mit Garantien anbieten.

 

Mussten Sie wirklich auf die Axa warten, um festzustellen, dass die Kunden Sparprodukte mit Garantie wollen?

Die frühere Winterthur hatte ihre Prioritäten in der Nichtlebens- und in der kollektiven Lebensversicherung, sprich Pensionskassen. Einzellebensversicherungen gehörten nicht zu den strategischen Erfolgspositionen. Die Axa hingegen setzt den Fokus auf umfassende finanzielle Sicherheit.

 

Zurück zur Wachstumsstrategie: Die Axa Winterthur könnte auch wachsen, indem sie einen Konkurrenten kauft.

Ich denke nicht, dass die Axa Kapital zur Verfügung stellt, um in einem gesättigten Markt eine Akquisition zu tätigen, zumal wir ja bereits eine marktführende Stellung haben. Das Kapital ist besser platziert in Märkten mit zweistelligen Wachstumsraten wie zum Beispiel in Osteuropa oder gewissen asiatischen Ländern.

 

Sie haben schon unter der CS das Schweiz-Geschäft der Winterthur geleitet. Nun machen Sie den gleichen Job unter der Axa. Ich hätte eigentlich erwartet, die Axa würde einen Franzosen auf Ihren Stuhl setzen. Wann werden Sie durch einen Franzosen ersetzt?

Sie stellen diese Frage dem Falschen. Ich beobachte aber, dass die Axa in Italien von einem Italiener, in Deutschland von einem Deutschen und in England von einem Engländer geführt wird. Als weltweiter Konzern braucht die Axa in den einzelnen Märkten Leute, die den Markt kennen und verstehen. Eine der Hauptaufgaben eines CEO ist das politische Lobbying. Ich bin häufig in Bern und setze mich dafür ein, dass die Parameter möglichst so ausgestaltet werden, dass Versicherungsgesellschaften überleben und den Kunden die richtigen Produkte zur Verfügung stellen können. Dazu muss man den Markt und das politische Umfeld sehr gut kennen.

 

 

ZUR PERSON

Der in Visp aufgewachsene Philippe Egger ist seit 2004 Chef der Winterthur in der Schweiz – während dreier Jahre unter der CS und jetzt seit einem Jahr unter der französischen Axa. Neu ist er auch Mitglied des Axa Executive Committee. Von 1994 bis 2002 stand Egger bei der Basler unter Vertrag, zuletzt als Leiter des

Privatkundengeschäfts. Angefangen hatte Egger als Aussendienstmitarbeiter bei der Genfer und später als Leiter Marketing bei der Freiburger Versicherung. Egger, heute 52-jährig, studierte Recht an der Uni Freiburg.

 

Erschienen in der BZ am 2. Februar 2008


Claude Chatelain