Die Börse spielt nicht verrückt

«Die Börse spielt verrückt» – das sagte am Dienstagabend die Moderatorin der Nachrichtensendung «10vor10». Richtig ist: Die Börse spielt nicht verrückt. Die Kurse fallen zwar, aber das ist völlig normal.

Offenbar geistert in vielen Köpfen die irrige Meinung, wenn die Kurse nicht gegen oben tendierten, sei etwas nicht normal. Schon Ende der 90er-Jahre vermochten sich viele Leute nicht mehr an Zeiten zu erinnern, als die Aktien Tag für Tag an Wert verloren. Nur um dann durch eine der herbsten Börsenbaissen der Geschichte daran erinnert zu werden, dass Korrekturen keinesfalls ungewöhnlich sind. Die Baisse der Jahre 2000 bis 2003 ist durch das Platzen der Technologieblase entstanden. Dass aber die Blase bestanden hatte und irgendeinmal platzen würde, war allen bekannt. Nicht bekannt war der Zeitpunkt.

 

Schon im Dezember 1996 hatte Allan Greenspan vor dem «unvernünftigen Überschwang» gewarnt. Der englische Ausdruck «Irrational Exuberance» wurde zum geflügelten Wort. Die Warnung des mächtigen Mannes aus den USA vermochte jedoch den Optimismus der Anleger nicht zu dämpfen. Die Aktienkurse kletterten in Schwindel erregende Höhen, und der Notenbank-Chef wurde belächelt, weil er angeblich nur in Obligationen investiert gehabt haben soll. Doch Greenspan sollte Recht behalten: Die Börsenblase verlor nach und nach Luft. Die Aktienkurse sanken unter das Niveau vom Dezember 1996, als Alan Greenspan vor dem «unvernünftigen Überschwang» gewarnt hatte.

 

Im vergangenen Sommer dann ein ähnliches Bild: In den USA platzte die Immobilienblase. Die Börsianer taten, als seien sie auf dem linken Fuss erwischt worden. Dabei war auch diese Blase nicht unsichtbar. Im Januar 2005 mutmasste die NZZ, die Kurswirren könnten mit der «Erwartung einer möglichen Hypothekarkrise in den USA» zusammenhängen. Seither ertönten in hartnäckiger Regelmässigkeit Warnungen vor einem Platzen der Blase. Kein ernst zu nehmender Ökonom zweifelte daran, dass auch diese Blase platzen würde. Offen blieb nur der Zeitpunkt. Im Sommer 2007 war es dann so weit: UBS und andere mussten sich Milliarden ans Bein streichen. Stellte sich nur noch die Frage, wie stark die Börse korrigieren und wie stark die Subprime-Krise den Konjunkturmotor ins Stottern bringen könnte. Namhafte Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaft in den USA bereits in eine rezessive Phase getreten ist.

 

Wie Ende der 90er-Jahre scheint wiederum vergessen zu sein, dass die Börse schon per Definition keine Einbahnstrasse nach oben ist. Der Swiss Market Index (SMI) kletterte vom März 2003 bis zum Juni 2007 von 3618 auf 9548 Punkte, plus 164 Prozent in nur vier Jahren. Auf jede Hausse folgt eine Baisse. Auch das ist keine Überraschung.

 

Schliesslich müsste nachdenklich stimmen, wie die Auguren Anfang 2008 auf Optimismus machten, als würden die Milliardenabschreiber einfach so weggesteckt, als sei die Rezession in den USA kein Thema, als sei die Immobilienkrise herbeigeredetes Zeug. Wenn sich alle Börsianer einig sind, ist besondere Vorsicht geboten. Das Aufwärtsschwimmen in der Aare ist nicht ratsam. An der Börse gegen den Strom zu schwimmen ist hingegen ein Erfolgsrezept.

 

Wenn ein Anleger aus Panik seine Aktien auf den Markt wirft, so ist die Wahrscheinlichkeit gross, diesen Schritt im ungünstigsten Moment zu tun. Schon die Indianer sagten: «Ergreife nie ein fallendes Messer.» Insbesondere Kleinanleger erliegen dem Hang, erst dann zu kaufen, wenn der Berg erklommen ist, und erst dann zu verkaufen, wenn die Talsohle durchschritten ist. Dies ist insofern keine Schande, da es auch Profis nur in den seltensten Fällen gelingt, am tiefsten Punkt zu kaufen. Wer sich also an der Börse als Anleger und nicht als Spekulant betätigt, lässt sich durch Kursschwankungen nicht beirren. Besser ist: zeitlich gestaffelt Aktienfonds zu kaufen, am besten mit einem Dauerauftrag. Wenn es kracht an der Börse, ist es zum Verkaufen eh zu spät. Dann gilt nur noch, was offenbar auch bei Mittelstreckenläuferinnen funktioniert: «Gring abe und seckle.»

 

Erschienen in der BZ am 17. Januar 2008

Claude Chatelain