Vasella ist für den Aktienkurs ein Handicap

Daniel Vasella wird morgen Donnerstag ein Umsatzwachstum präsentieren und Anlegern Freude bereiten. Noch mehr Freude hätten die Investoren, wenn Vasella mindestens eines seiner Topmandate zur Verfügung stellen würde.

Novartis vermag regelmässig mit positiven Geschäftsergebnissen aufzuwarten – und doch kommt der Aktienkurs nicht vom Fleck. Wer vor zehn Jahren Novartis-Aktien kaufte, hat praktisch keinen Gewinn erzielt – trotz der zurückliegenden Börsenhausse (siehe Grafik). Auch die Aktienrückkaufsprogramme vermochten den Kurs nicht zu beflügeln.

 

Beobachter sind sich einig, dass der Aktienkurs weiter vor sich her dümpeln wird, solange Alleinherrscher Daniel Vasella sowohl als Präsident wie auch als Konzernchef fungiert. «Sollte Vasella eines seiner Mandate zur Verfügung stellen, würde das vom Markt positiv gewertet», sagt Beatrice Kunz, Pharma-Analystin bei Clariden Leu.

 

«Vasella hat Pech gehabt»


Was hat also Daniel Vasella falsch gemacht? Wer nun ein langes Sündenregister erwartet, wird enttäuscht sein. Substanzielle Fehlentscheide sind dem promovierten Arzt kaum nachzuweisen.

 

Nach Auffassung von Beatrice Kunz hatte Vasella insbesondere im 2007 auch Pech gehabt. Bereits eingeführte Medikamente mussten vom Markt genommen werden. Die schlechten Nachrichten übertönten die guten. Im Vergleich zur Konkurrenz hat Novartis viel versprechende Produkte in der Pipeline. Und schliesslich wird häufig vergessen, dass die Kursperformance anderer Pharmariesen nicht wesentlich besser ist. Der Pharmabranche weht weltweit ein eisiger Wind entgegen. Drei Beispiele: Die Zulassungsbehörden setzen immer strengere Massstäbe an – vor allem seit Merck das Schmerzmittel Vioxx vom Markt nehmen musste. Von der Entdeckung des Wirkstoffes bis zur Marktreife vergingen früher acht bis zehn Jahre. Heute muss ein Pharmakonzern mit dreizehn Jahren rechnen. Zweitens erwächst den Arzneimittelherstellern zunehmende Konkurrenz durch Generika. Und drittens hat in vielen Ländern der staatliche Druck auf die Preise zugenommen. Sollte eine Demokratin oder ein Demokrat die US-Wahlen gewinnen, dürfte sich der Druck noch verschärfen.

 

Zu viel Macht ist ungesund


Auf Grund der Geschäftszahlen und der Forschungsergebnisse müsste die Novartis-Aktie höher notieren. Doch sie tut es nicht. Vasella scheint eher ein Handicap als ein Hoffnungsträger zu sein. Zum schlechten Image trägt auch sein überrissenes Gehalt bei: Investoren stösst sauer auf, wenn sich Manager grosszügig entlöhnen, derweil der Aktienkurs an Ort tritt. Auch sonst ist das Vertrauen in den Strahlemann angeschlagen, was auch mit seinem Machthunger zu tun hat. «Vasella hat zu lange in der Doppelfunktion verharrt. Es fehlte an Impulsen von anderen Leuten», sagt Rudolf Buxtorf, Fondsmanager von Coutts Bank von Ernst. «Man hat den Eindruck, die Mitstreiter von Vasella würden vor ihm nur den Kopf einziehen.» Er dulde keine starke Persönlichkeiten an seiner Seite. Und Buxtorf weiter: «Wer nur an sich denkt und die Nachfolge ausser Acht lässt, offenbart grosse Führungsschwächen.»

 

 

Mister Novartis

Daniel Vasella, 54, leitet Novartis seit es Novartis gibt. Der Konzern entstand 1996 durch die Fusion von Ciba und Sandoz. Verheiratet ist Vasella mit einer Nichte von Marc Moret, dem starken Mann der alten Sandoz. Vasella studierte in Bern Medizin und war mit 31 Oberarzt am Inselspital. 1988 kam der Wechsel zu Sandoz. 1996 wurde Dr.Dr.h.c. Daniel Vasella Konzernchef. 1999 auch Verwaltungsratspräsident.

 

Erschienen in der BZ am 16. Januar 2008


Claude Chatelain