Chatelain rät: Wollen Sie Steuern oder Geld sparen?

Neulich habe ich in der Kundeninformation einer Bank gelesen, es gebe viele Fragen, «die jeder rational denkende Mensch mit Ja beantworten muss». Eine der Fragen lautete: «Wollen Sie Steuern sparen?» Ich bin offenbar kein rational denkender Mensch, denn ich beantworte diese Frage mit Nein.

Das Geschwätz vom Steuernsparen ist mein Lieblingsthema. Drei typische Beispiele:

1. Sie sollten so viel wie erlaubt auf das steuerbegünstigte Konto 3a einzahlen: Sie sparen Steuern damit.

2. Sie sollten die Hypothek eher aufstocken denn abzahlen. Sie sparen Steuern damit.

3. Sie sollten sich das Pensionskassenkapital auszahlen lassen, statt die Rente zu beziehen. Sie sparen Steuern damit.

Drei Ratschläge, die hartnäckig wiederholt werden. Drei Ratschläge, an deren sachlicher Richtigkeit kein Zweifel besteht. Grosser Zweifel besteht aber an der Bedeutung dieser Ratschläge.

Es tönt gut, wenn man sagen kann: Sie können Steuern sparen. Ist die Frage auch relevant? Sie ist es nicht. Oder zumindest ist die Frage falsch gestellt: Massgebend ist nicht, wie viele Franken Steuern man sparen kann. Massgebend ist, wie viel unter dem Strich übrigbleibt. Am besten lässt sich das Gesagte am Beispiel der Hypothek darstellen.

Angenommen, ein Hausbesitzer erhöht seine Hypothek um 100000 Franken und zahlt dafür zusätzlich einen Zins von 4000 Franken pro Jahr. Diesen Zins kann er vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen. Er spart damit je nach Progression rund 1200 Franken an Steuern. Tönt gut, oder? Aber was ist mit den 4000 Franken Zinsen, die wegen der höheren Hypothekarbelastung zusätzlich zu berappen sind? 4000 Franken höhere Ausgaben minus 1200 Franken weniger Steuern ergibt einen Fehlbetrag von 2800 Franken. Nur wenn der Hausbesitzer mit den 100000 Franken einen über diesen 2800 Franken liegenden Betrag erwirtschaftet, hat sich die Aufstockung der Hypothek bezahlt gemacht.

Sagt der Berater zu Ihnen: «Wollen Sie Steuern sparen?» So sagen Sie bitte: «Nein, ich will nicht Steuern sparen. Ich will Geld sparen.»

 

Erschienen im BLICK am 15. Dezember 2007

Claude Chatelain