Chatelain rät: Das Haus ist schuldenfrei - ist das klug?

Ich weiss, man kann nicht generell sagen, ob man eine Hypothek abzahlen soll. Bei meinen Eltern läuft am 1. Dezember die Festhypothek ab. Sie lebten immer nach dem Vorsatz, im

Alter ein schuldenfreies Haus zu haben, wie auch ihre noch lebenden Onkel und Tanten ein schuldenfreies Haus haben. Könnten Sie mir Vor- und Nachteile nennen?

A. M., via E-Mail

Die Frage, ob die Hypothek abgezahlt werden soll, ist viel einfacher als gemeinhin angenommen. Ich plädiere für die Amortisation der Hypothek, sofern das Geld vorhanden ist. Es sei denn, man erzielt mit dem Ersparten eine höhere Rendite, als man für die Hypothek bezahlen muss.

Angenommen, der Hypothekarzins beträgt 3,25 Prozent. Die Schuldzinsen verringern das steuerbare Einkommen. Das heisst, nach Steuern beträgt die Zinsbelastung nur noch zwischen 2,25 und 2,75 Prozent.

 

Und wie hoch ist nun die Rendite des Ersparten? Falls das Geld auf einem Sparkonto schlummert, so liegt der Sparzins nach Steuern deutlich darunter. Die Abzahlung lohnt sich. Wird aber das Ersparte in Aktien angelegt, kann man sehr wohl auf eine höhere Rendite hoffen - freilich nur unter Inkaufnahme eines gewissen Risikos.

 

Somit stellt sich die Frage, ob Ihre Eltern gewillt sind, Aktien zu kaufen. Viele Leute sind nicht «aktienfähig». Ich meine das nicht abschätzig. Aber wer bei Börsenturbulenzen schlaflose Nächte hat, lässt das Aktiensparen besser sein. Auch mit Festgeldanlagen oder Obligationen erzielt man keine höheren Erträge, als umgekehrt für den Hypozins bezahlt werden muss. Nicht zu vergessen die Gebühren und Kosten, die noch dazu kommen.

 

Vermutlich wird die Bank Ihren Eltern einen Vorschlag unterbreiten, bei welchem die Ertragsaussichten der anzulegenden Wertschriften höher sind als der Hypozins. Mit Prognosen haben wir noch keine Garantie. Und schliesslich ist das Wohlbefinden wichtiger als die Rendite. Mit einem abbezahlten Haus schläft es sich besser als mit einem üppigen Wertschriftenportefeuille.

 

Der Vorsatz Ihrer Eltern finde ich keineswegs veraltet. Im Gegenteil.

 

Erschienen im BLICK am 27. Oktober 2007

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Claude Chatelain