Chatelain rät: Wer der Herde folgt, verliert an der Börse

Bei Läufen nicht zu empfehlen; an der Börse hingegen schon: in die Gegenrichtung gehen.
Bei Läufen nicht zu empfehlen; an der Börse hingegen schon: in die Gegenrichtung gehen.

Ich habe noch zehn Anteile des «UBS 100 Index-Fund Switzerland» im Wert von rund 58000 Franken. Soll ich - trotz Kurssturz - meine Anteile verkaufen oder auf eine Trendwende hoffen? L. B., Rickenbach LU.

«Praktikus», der anonyme Kolumnist der «Finanz + Wirtschaft», schreibt in der Ausgabe vom vergangenen Mittwoch: «Wer dieser Tage Anlageratschläge erteilt bzw. erteilen muss und sich zur Börse äussert, begibt sich auf dünnes Eis. Man lässt es am besten bleiben.»

 

Doch die Bankökonomen und Marktstrategen können es nicht bleiben lassen. Sie sagen für die kommenden Wochen weitere turbulente Börsentage voraus. Im Herbst, wenn die Blätter von den Bäumen fallen, soll es dann aber wieder aufwärts gehen.

 

Die Börsianer sind momentan total verunsichert. Nicht harte Fakten, sondern vage Ängste bestimmen das Geschehen. Das ist ein gutes Feld für Spekulanten. Grosse Kursschwankungen verlocken zu kurzfristigen Gewinnen. Sie sind aber kein Spekulant, Sie sind ein Anleger.

 

Hätten Sie mir Ihre Frage doch Anfang Mai gestellt. Ich empfahl in meiner Kolumne vom 5. Mai 2007, die Aktien zu verkaufen und auf tiefere Kurse zu warten. Damals notierte der Swiss Market Index (SMI) bei 9500 Punkten. Heute liegen die Kurse über 10 Prozent unter dem Stand von Anfang Mai. Da stellt sich für mich die Frage, ob man bei diesem Kursniveau nicht eher einsteigen, statt aussteigen soll.

 

Warum wollen Sie jetzt verkaufen, wo der SMI um die 8500 Punkte aufweist? Warum hatten Sie nicht Anfang Mai verkauft, als der Index 1000 Punkte mehr aufwies? Ich sage es Ihnen: weil Sie der Herde folgen. Sie wollen verkaufen, weil die anderen auch verkaufen. Dieses Verhalten ist falsch. Herdentiere machen an der Börse keine guten Geschäfte. Wenn Ihnen die Aktien beim Indexstand von 9500 Punkten nicht zu teuer waren, so sind sie beim Stand von 8400 erst recht nicht zu teuer. Wir haben heute keine grundlegend neuen Fakten als Anfang Mai. Dass nämlich der Immobilienmarkt der USA überhitzt und zu Korrekturen führen wird, ist beileibe keine Überraschung.

 

Im Zweifelsfall erteilt man lieber einen Auftrag zu wenig als einen zu viel. Merke: Hin und her macht Taschen leer.

 

Erschienen im BLICK am 18. August 2007

Claude Chatelain