Chatelain rät: Was raten Sie mir - kaufen oder warten?

Angesichts der Rekordstände hatte ich nicht zuletzt aufgrund Ihrer Empfehlung einen Teil meiner Aktien verkauft. Nachdem nun die Aktien um 10 Prozent unter dem Rekordhoch notieren, überlege ich mir, wieder einzusteigen. C. S., Oberschrot FR.

Meine Begeisterung für Ihr Ansinnen hält sich in Grenzen. Ihre Grundüberlegung ist zwar richtig: Während andere aufgrund der jüngsten Kursverluste kalte Füsse kriegen, denken Sie bereits laut darüber nach, Aktien zuzukaufen. Frei nach dem Motto: Kaufe in der Baisse, verkaufe in der Hausse. Allerdings kann man derzeit noch nicht von einer Baisse sprechen, höchstens von einer Korrektur.

 

Die Frage ist, ob die Kurse weiter abbröckeln oder sich erholen werden. Anders gesagt: Die Frage ist, ob wir eine vorübergehende Korrektur erleben oder am Anfang einer Baisse stehen. Wenn ich Ihnen sage, ich persönlich tippe auf eine Korrektur, so hilft Ihnen das kaum weiter. Börsenprognosen sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen.

 

Also gehen wir das Problem systematisch an: Wie hoch ist Ihr derzeitiger Aktienanteil? Wenn Sie alle Aktien verkauft haben und auf einem Haufen Bargeld sitzen, so ist es nicht falsch, mit 10 Prozent Ihres Vermögens Aktienfonds zu kaufen. Aktienmärkte haben die Tendenz zu übertreiben. Gut möglich also, mit einem solchen Aktienengagement einen schönen Gewinn einzustreichen. Wenn aber Ihr Aktienanteil am gesamten Bar- und Wertschriftenvermögen immer noch über 50 Prozent beträgt, so würde ich auf die nächste Baisse warten und erst dann neue Käufe tätigen. Vergessen Sie nicht: Vor nur zwölf Monaten lag der Swiss Market Index (SMI) bei 7741 Punkten, 10 Prozent unter dem Stand von heute.

 

Die Unternehmen präsentieren derzeit einen Rekordgewinn nach dem anderen. Diese Gewinne sind es, die die Börse antreiben oder vor einem grösseren Kurssturz bewahren. Doch es werden wieder härtere Zeiten anbrechen. Die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Abnahme des Gewinnwachstums sei hoch, schreibt Swisscanto in einer Studie. Entsprechend vergrössern sich die Risiken an der Börse.

 

Erschienen im BLICK am 8. August 2007

Claude Chatelain