Mehr Zug auch für die Jungen

Immer mehr Pensionskassen wechseln vom Leistungs- zum Beitragsprimat. Versicherte fürchten diesen Wechsel, da sie keine garantierte Rente mehr erhalten. Doch das Beitragsprimat hat auch Vorteile.

Das Bundespersonal muss bei der Rente Einbussen in Kauf nehmen, wenn ihre Kasse Publica auf Mitte 2008 vom Leistungs- zum Beitragsprimat wechselt. Einbussen beim Systemwechsel müssen allerdings nicht sein. So haben die UBS und Swiss Re auf Anfang 2007 ebenfalls das Beitragsprimat eingeführt, ohne dass es für die Angestellten Leistungskürzungen gab.

 

Dass sich die Bundesangestellten mit einer tieferen Rente zufriedengeben müssen, hängt denn auch nicht mit dem Systemwechsel zusammen, sondern mit der schlechten finanziellen Lage der Publica. Auch andere Pensionskassen mit Leistungsprimat, die saniert werden mussten, nutzten die Gelegenheit und führten das Beitragsprimat ein. Bei den Versicherten lösen solche Sanierungen Ängste aus: Es entsteht der falsche Eindruck, dass das Beitragsprimat schlechter sei als das Leistungsprimat. Für Verunsicherung sorgt auch, dass im Beitragsprimat die Renten nicht auf der Grundlage des letzten Gehalts berechnet werden, sondern die einbezahlten Beiträge die Rentenhöhe bestimmen.

 

Beim Leistungsprimat berechnet die Kasse, wie hoch die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge sein müssen, damit die Versicherten auf die versprochene Rente kommen. Grundlage der Berechnung ist ein technischer Zins. Liegt der Marktzins über diesem technischen Zins, macht die Kasse einen Gewinn. Liegt der Marktzins darunter, legt die Kasse drauf. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wohin dies führen kann. Weil die Zinsen jahrelang sehr tief waren, konnten die Vorsorgestiftungen nicht die Rendite erzielen, die für die Finanzierung der Renten notwendig gewesen wäre. Die Folge waren massive Unterdeckungen.

 

Jeder bekommt, was er gespart hat


Die Zeche bezahlen die Versicherten, die noch im Berufsleben stehen. Die Gewinner sind dagegen häufig die Rentner. Sie bekommen eine Rente, die nicht finanziert ist. Von einem reinen Kapitaldeckungsverfahren kann nicht mehr die Rede sein. Anders ist es im Beitragsprimat: Liegt die Anlagerendite unter dem technischen Zins, erhalten die Versicherten schlicht eine tiefere Rente. Sie bekommen so viel, wie sie über all die Jahre gespart haben.

 

Ein Vorteil des Beitragsprimats ist auch die Transparenz. Beat Hügli von der Avadis Vorsorge sagt dazu: «Da im Beitragsprimat die finanzielle Entwicklung der Pensionskasse unmittelbar die Leistungen beeinflusst, haben die Versicherten ein stärkeres Interesse daran, was mit ihrer Kasse los ist.» Der Sparprozess im Beitragsprimat sei einfacher nachvollziehbar als eine mysteriöse Formel, die aus Beiträgen und Einkäufen den Rentenanspruch zaubert.

 

Gemeint ist die Freizügigkeitsleistung, also das individuelle Pensionskassenguthaben. Ohne höhere mathematische Kenntnisse sind die Versicherten kaum in der Lage, in einer Leistungsprimatkasse ihr Guthaben auszurechnen. Bekommen die Versicherten zum Beispiel eine happige Lohnerhöhung, können sie sich im Leistungsprimat nur mässig freuen, wenn der Lohnsprung durch eine Nachfinanzierung wieder weggefressen wird.

 

Das Beitragsprimat ist unter Umständen auch für den Arbeitgeber einfacher. Das zeigt sich bei Firmenübernahmen und Restrukturierungen. «Wird ein grosser Teil der Belegschaft entlassen oder in ein anderes Unternehmen verschoben, ändert sich unter Umständen die Altersstruktur. Damit muss die Finanzierung angepasst werden», erklärt der Pensionskassen-Experte Stephan Gerber von der Beratungsfirma Abcon. Das Leistungsprimat entspricht deshalb kaum mehr den Bedürfnissen der heutigen Arbeitswelt: Zu oft ändern Angestellte ihr Pensum, und kurzfristige Anstellungen kommen immer häufiger vor. Diese Meinung vertritt offenbar auch Novartis, deren Kasse noch im Leistungsprimat geführt wird. «Der Trend zu noch mehr Flexibilität und individueller Gestaltung der beruflichen Vorsorge lässt sich im Leistungsprimat nicht verwirklichen», sagt ein Sprecher der Novartis. Deshalb denkt auch die Pensionskasse über einen Primatswechsel nach.

 

Es gibt immer weniger Kassen mit Leistungsprimat


Der Pharmakonzern liegt damit im Trend. Im Jahr 2004 gab es in der Schweiz 2935 registrierte Vorsorgeeinrichtungen, 36 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. In dieser Zeitspanne hat die Zahl der Leistungsprimatkassen gar um 66 Prozent abgenommen. Laut Bundesamt für Statistik gab es 2004 noch 329 Leistungsprimatkassen. Heute dürften es weniger als 300 sein.

 

Genau genommen wechseln viele Kassen allerdings nicht ins Beitragsprimat, sondern ins Duoprimat. Bei dieser Mischform beruht die Altersrente auf dem Beitragsprimat, die IV- und Hinterlassenen-Rente aber weiter auf dem Leistungsprimat. Die Höhe der IV-, Ehegatten- und Kinder-Renten wird damit aufgrund des Lohnes und nicht der einbezahlten Beiträge berechnet. Dies hat den Vorteil, dass der Risikoschutz gegen Tod und Invalidität auch bei einem veränderten PK-Guthaben aufrechterhalten wird. Denn im reinen Beitragsprimat verringern sich IV- und Hinterlassenen-Renten, wenn das PK-Guthaben wegen der Scheidung geteilt oder zur Finanzierung von Wohneigentum vorbezogen wird.

 

Erschienen im CASH am 21. Juni 2007

Claude Chatelain