Chatelain rät: Deshalb sind 6,8 Prozent richtig

Frage: Warum finden Sie es richtig, dass der Ständerat die Rente von uns Jüngeren klaut? Wenn der Umwandlungssatz der beruflichen Vorsorge auf 6,8 Prozent belassen wird, heisst das nichts anderes, als dass die Jungen die Rente der Alten bezahlen müssen. Damit wird die Generationengerechtigkeit erneut mit Füssen getreten. L. S., via E-Mail

Antwort: Die gleiche Formulierung wie in Ihrer Zuschrift habe ich in einer Mitteilung der Jungfreisinnigen gelesen. Das ist dummes Zeug. Wer sagt, dass ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent zu hoch ist? Es sagt dies zum Beispiel der Schwyzer Ständerat Bruno Frick. Er sprach im Ständerat, als möchte er sich für ein VR-Mandat bei einer Versicherung empfehlen.

Nehmen wir folgendes, vereinfachtes Beispiel:

 

Ein Mann mit Alter 65 hat ein PK-Kapital von 100000 Franken. Seine Lebenserwartung beträgt laut Bundesamt für Statistik noch 18,1 Jahre. Ich rechne vorsichtshalber mit 20 Jahren, da die Sterblichkeit womöglich weiter abnimmt.

 

Wird das Kapital zinsfrei angelegt, kann der Mann alle Jahre 5000 Franken verzehren. Nach 20 Jahren ist das Kapital verbraucht. Das ergibt einen Umwandlungssatz von 5 Prozent.

Nun die Kernfrage: Welche Rendite muss erzielt werden, damit jährlich nicht 5000, sondern 6800 Franken, entsprechend einem Umwandlungsatz von 6,8 Prozent, verzehrt werden dürfen? Haargenau 3,3 Prozent. Das kann mit Computer-Programmen berechnet werden. Zum Vergleich: Die zehnjährige Bundesobligation rentiert derzeit 3,2 Prozent, eine der sichersten Anlagen überhaupt. Es muss mir doch niemand erzählen, man könne auf eine lange Anlagedauer nicht eine Durchschnittsrendite von 3,3 Prozent erwirtschaften.

 

Zugegeben: Man müsste auch noch die Witwenrente einkalkulieren. Also braucht es eine Rendite von vielleicht 3,7 Prozent. Auch das ist keine Hexerei. Und dann muss man wissen, dass wir hier nur vom obligatorischen Teil sprechen. Die meisten Kassen haben aber noch überobligatorische Leistungen. Hier können die Vorsorgestiftungen die Höhe des Umwandlungssatzes frei bestimmen.

 

Und wenn wir schon von Gerechtigkeit sprechen: Es gibt auch in der zweiten Säule Solidaritäten: Alleinstehende zahlen die gleichen Beiträge wie Verheiratete, ohne je Witwen- oder Hinterlassenenrenten zu beanspruchen.

 

Und noch eine Einschränkung: Für die Lebensversicherer geht die oben gemachte Rechnung nicht auf. Hier muss noch eine üppige Gewinnmarge für die Aktionäre einkalkuliert werden.

 

Erschienen im BLICK am 16. Juni 2007

Claude Chatelain